Kultur : Sturm & Bang

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Christiane Peitz lauscht der

Stille nach dem Unwetter

Gewöhnlich trifft es Inselbewohner. Oder Schiffsreisende. Jedenfalls Menschen, die keinen ganz so festen Boden unter den Füßen haben. Zeus, der Donnergott, oder Poseidon, Gott des Meeres, des Sturmes und des Erdbebens, werfen sie aus der Bahn – und auf sich selbst zurück. Gäbe es nicht die Spuren des Unwetters, Astwerk, Fahrzeugtrümmer und anderen Müll, die Katastrophe ließe sich getrost ins Reich der Alpträume verbannen. Dabei beginnt das Drama eigentlich erst hinterher: Ob in Shakespeares „Tempest“ oder Wagners „Fliegendem Holländer“, ob für Odysseus oder die windbewehrten Walküren, für Robinson oder Stephen Kings Inselgemeinschaft im „Sturm des Jahrhunderts“ - die Stille nach dem Sturm gebiert das Ungeheuerliche noch einmal. Oder sie eröffnet jenes Wunderland des „Wizard of Oz“, in das der Hurrikan das Mädchen Dorothy so blitzschnell entführt.

Seitdem der Mensch schreibt, markiert der Wirbelsturm den Einbruch des Plötzlichen in die Wirklichkeit. Er ist die archaische Metapher für das Prinzip Zufall: für die Macht des Unberechenbaren in einer vermeintlich berechenbaren Welt, von Homer über die Erzählungen Joseph Conrads bis zur Chaostheorie mit ihrem tropischen Schmetterlingsflügel, deren Schlag in Nordamerika einen Wirbelsturm auszulösen vermag. Der Mensch: ein Schiffbrüchiger auf, gestrandet an den Gestaden der existentiellen Verunsicherung. Das ist der Stoff, aus dem die Mythen sind, die Abenteuerromane und Katastrophenfilme, zuletzt Wolfgang Petersens „Sturm“ oder Robert Zemeckis moderne Robinsonade „Verschollen“ mit Tom Hanks auf verlassener Insel. Oder das Unwetter wird zur Kulisse für stille Tragödien wie Ang Lees Familienpsychodrama „Der Eissturm“.

Wer wie unsereins in gemäßigten binnenklimatischen Zonen lebt, hat mit so etwas kaum Erfahrung. Die Kalifornier wissen nie so genau, wann sie das nächste Erdbeben ereilt. Selbst die New Yorker kennen Unwetter und Schneestürme von hier zu Lande nie erlebter Wucht - von den Überschwemmungs- und Dürregebieten der südlichen Hemisphäre zu schweigen. Nordeuropa hingegen war wettertechnisch bislang eine Insel der Seligen. „Schiffbruch mit Zuschauer“ heißt nicht von ungefähr Hans Blumenbergs philosophische Betrachtung unserer vermeintlich gefahrlosen Festland-Existenz. Die Katastrophe findet statt, aber anderswo. Diese Garantie ist seit dem Sturm über Deutschland obsolet, zumal nach den in denbuchstäblichen Wind geschriebenen Vorwarnungen der Meteorologen.

Wie heißt es in Kleists „Penthesilea“? „Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, weil er ihre Krone ergreifen kann.“ Am Ende ist die Stärke eine zweifelhafte Tugend.

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