Kultur : Sturmfreie Herzen

Uraufführung im Grips-Theater: Lutz Hübner erzählt vom Liebeskrampf der 17-Jährigen

Patrick Wildermann

Betrunken genug zu sagen: Ich liebe dich? Die Frage stellt sich zu Beginn dieser verunglückten Party, später nicht mehr. Da sind sie alle im Rausch der Wahrheit, der Mix aus Prosecco, Bier und Jägermeister spült einen Schwall von Eifersüchteleien, Ego-Übelkeit und Tabula-Rasa-Lust hoch. Die Musik ist das einzige, was so cool bleibt, wie sich alle gern geben, ein Elektro-Set aus dem Laptop. Aufgeführt wird dazu ein Eiertanz um die eigenen Gefühle, die passende Pose, den Platz in der Hackordnung des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens.

„Winner & Loser“ heißt das jüngste Stück des viel gespielten und viel schreibenden Dramatikers Lutz Hübner, das im Grips-Theater umjubelte Premiere feierte und das eine Art theatralische Shell-Studie zum Thema Jugend heute liefert, bloß aus pulsierender Innenperspektive statt statistischer Warte. Hübner genügt das Setting eben jener Party in der noblen sturmfreien Elternwohnung, um vom Krampf aller mit allen zu erzählen. Das Stück ist schnörkellos, energetisch. Es trifft einen Ton, der sich nicht altväterlich – sagen wir mal, in der naseweisen Netter-Onkel-Diktion eines Joachim Lottmann – an die überwiegend 17-jährigen Protagonisten heranwanzt, sondern erkennen lässt, dass sich der auch schon über 40-jährige Autor noch gut an die bleierne Zeit der Selbstbildsuche im beposterten Jugendzimmer erinnern kann.

Noch schwieriger als Jungsein: Jungsein spielen. Aber das ohnehin junge Grips-Ensemble, das sich in der Regie von Frank Panhans in eine Pubertäts-Truppe mit schlechtem Klamottengeschmack zurückentwickelt, stellt sich dem ohne Distanz. Zu Beginn befürchtet man noch, es könnte eine Typengalerie aus dem Fotostory-Fundus trendgeiler Teenie-Magazine vorgeführt werden – die Schulschönheit, der bebrillte Hesse-Leser, der Computer-Nerd. Aber die Schauspieler sondern die Klischeerückstände ihrer Figuren schon nach dem ersten Toben durch Tom Prestings holzgetäfeltes Einheitsbühnenbild mit Sofa aus.

Robert Neumann spielt Andi, um den das Stück kreist und der als Gastgeber einen Teewagen voll Bier und die bekenntnistrunkenen Ereignisse ins Rollen bringt. Er ist einer mit guten Noten, sicher geplantem Auslandsaufenthalt in den USA, vorgezeichneter Karriere also, bloß die Lebens-, sprich Frauenerfahrung, die fehlt ihm. Ausgerechnet in die hübsche Marie (Julia Schubert) – gerade am Bonhoeffer-Gymnasium zur Beauty-Queen „Miss Bonnie“ mit Siegerbild am Schwarzen Brett gekürt – hat er sich verliebt. Wovon Marie ungefähr soviel hören will wie von ihrer kleinen Schwester Annika (Stephanie Schreiter), die sich die Gunst der Großen mit geklautem Parfüm erkaufen muss.

Nur um Marie näher zu kommen, veranstaltet Andi eine Alibi-Party, bei der aber kurzfristig fast alle absagen, was den sozialen Offenbarungseid befürchten lässt. Nur Andis bester Freund Julian, bei Daniel Jeroma ein kajalgeschminkter Slacker mit Schlag bei den Mädchen, Hang zu sozialdarwinistischen Thesen und forcierter Underdog-Attitüde, steht ihm treu zur Seite, außerdem der unbeholfene DJ Sven (Roland Wolf), der verschiedene Internet-Identitäten pflegt, sich aber im realen Kampf ums Liebesglück außer Konkurrenz sieht.

Um das Oben und Unten dreht sich hier alles, um die titelgebende Unterscheidung in Gewinner und Verlierer. Was dann auch zur Eskalation führt, zum Bruch von Freundschaften und Mobiliar. Das Leben steht unter Soap-Opera-Verdacht in Hübners Stück, aber mit der Ununterscheidbarkeit von Abziehbildkonflikten und nachfühlbarer Coming-of-Age-Tristesse spielt der Autor auch. Das hereinschneiende Party-Girl Silvana (Katja Götz) spottet einmal so schön über die „Barbie-World mit echten Tränen“. Immerhin: Die Tränen glaubt man.

Wieder heute und am 5. und 6. Mai

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