Kultur : Sturz eines Kritikers

Wie Siegfried Jacobsohn seinen Job verlor und die „Schaubühne“ gründete. Ein Berliner Presseskandal von 1904

Alexander Weigel

Siegfried Jacobsohn wurde am 28. Januar 1881 in Berlin in der Werderstraße geboren, wo seine Mutter in ihrem Atelier für Damenschneiderei nähte, gegenüber dem prächtigen jüdischen Kaufhaus Hermann Gerson. Ihr Siegfried sollte mehr Erfolg haben im deutschen Kaiserreich; der glich aber, auch erwachsen nur 157 Zentimeter groß, nie seinem mythischen Namensvetter.

Ein Theaterriese im Königlichen Schauspielhaus entschied alles: „An meinem neunten Geburtstag hatte man mich zum ersten Mal ins Theater geschickt, zu ‚Wilhelm Tell’, zu Adalbert Matkowskys Melchthal. Ich weinte bitterlich um Melchthals Vater und fasste für mein Leben eine Liebe: das Theater.“ Das war die glänzende Gegenwelt.

Schon der Fünfzehnjährige war fest entschlossen, Theaterkritiker zu werden, wohl auch aus der Einsicht, dass er zum Heldendarsteller nicht geboren war. Theaterkritik hatte damals in Berlin ein so hohes Ansehen wie das Theater selbst. Manche Kritiker waren fast so berühmt wie die großen Schauspieler der Zeit.

Während des Studiums schrieb Jacobsohn einen Verriss zum neuesten Drama des Dichters Hermann Sudermann und schickte ihn dem bekannten Kritiker Fritz Mauthner. Die Reaktion: „Drei solcher Artikel an sichtbarer Stelle, und Sie gehören zu Berlins bekanntesten Theaterkritikern.“ Der Chefredakteur der „Welt am Montag“, Hellmuth von Gerlach, hörte im Foyer des Deutschen Theaters ein paar gescheite Bemerkungen von dem kleinen jungen Mann und bestellte ihn zu sich. Noch als Student begann Jacobsohn, gerade zwanzig, Kritiken zu schreiben. Erst für ein kleines Zeilenhonorar, später als Redakteur, freilich zu bescheidenen Bezügen, wofür er aber „den unschätzbaren Vorteil“ hatte, „vom ersten bis zum letzten Tag in vollster Unabhängigkeit und Rücksichtslosigkeit“ seine Meinung sagen zu dürfen. Dies hatte er einem Verleger zu danken, der solche „Rücksichtslosigkeit“ als auflagenfördernd schätzte.

Verhängnisvoll war, dass er nicht nur mit unüblicher Offenheit anerkannte Dramatiker und Dramenfabrikanten, Theaterdirektoren und Schauspieler kritisierte, sondern gelegentlich ebenso scharf Kollegen und ihre Zeitungen angriff. Dem „Berliner Tageblatt“, der einflussreichsten Zeitung Berlins, warf er 1902, in einer von Sudermanns Artikelserie „Verrohung in der Theaterkritik“ angestoßenen leidenschaftlichen Diskussion, „Verständnislosigkeit und Ungeschmack“ sowie „liebedienerische Rücksichtnahme“ vor.

Man vergaß es ihm nicht, und die Gelegenheit zur Rache kam. Ein Wiener Kritiker fand einige 1897 geschriebene Sätze fast wörtlich in zwei aktuellen Kritiken Jacobsohns wieder. Er schickte den Befund an das „Berliner Tageblatt“, das im November 1904 die „Sensation“ unter der Überschrift „Ein psychologisches Rätsel“ veröffentlichte – der Vorwurf des Plagiats ergab sich scheinbar zwanglos. In der Atmosphäre einer erbarmungslosen Konkurrenz der Berliner Presse, in einer Zeit, in der neben das Interesse an tieferen Dimensionen des Geistigen immer verbissener das am geistigen Eigentum trat, war das ausreichend, einen Fall Jacobsohn zu konstruieren – vom mehr oder weniger latenten Antisemitismus abgesehen. Er selbst erklärte den „Fall“ mit der Arbeit an seinem in jenem Jahr erschienenen Buch „Das Theater der Reichshauptstadt“, für das er Massen von Kritiken aus dreißig Jahren gelesen hatte. „In meinem Gedächtnis schlummerten Worte, Bilder, Sätze und ganze Satzfolgen fremder Autoren, die durch die geringste Assoziation geweckt wurden.“

Jacobsohns Kritiken beweisen klar, dass er nicht bei zweitrangigen Kollegen borgen musste. „Der Mehrheit aber tat das alles nichts: Der Jude ward verbrannt“, resümierte er 1913 in „Der Fall Jacobsohn“. Der schadenfrohen „Germania“ zufolge handelte es sich um die „Entlarvung des jüdischen Theaterkritikers Siegfried Jacobsohn als Plagiator“. Leider sah sich auch ein arrivierter älterer Kollege veranlasst, die Standesehre zu retten: Alfred Kerr. Er fertigte den „Wunderknaben“ als „hintenrum stehlendes Rezensentchen“ ab und trug dazu bei, dass die „Welt am Montag“ sich gezwungen sah, „vorläufig Herrn Jacobsohn in beiderseitigem Einverständnis bis auf weiteres“ zu beurlauben.

Eine herzliche Feindschaft war damit begründet, die immer neu aufflammte, doch auf die Dauer andere Gründe erkennen ließ; sie waren auch generationsbedingt. Sah Jacobsohn etwa, bei immer auch ehrlicher Kritik, in Max Reinhardts Anfängen die „Jugend“ und einen genialen Erneuerer des Theaters, so sah Kerr im Deutschen Theater das „Gespenst eines Edlen von Reklamowicz-Klimbimsky auf Tam-Tam“ umgehen. Grundsätzlich unterschieden sich beide in der Meinung zu Stellung und Stil der Theaterkritik. Kerr sprach 1904 von der „Betulichkeit“ des jungen Mannes. Und Jacobsohn sah in Kerrs Auffassung, dass Kritik nur gelte, wenn sie selbst Kunstwerk sei, die Gefahr, dass sie auf Dauer zum eitlen Selbstzweck mutieren und die Sache unter eleganten Formulierungen und Pointen begraben könnte. Er zog bei aller stilistischen Souveränität die unprätentiöse Sachlichkeit vor und wurde zum wichtigeren und hilfreicheren Kritiker des Theaters, weil er nicht selbst Künstler sein wollte.

Mitte Dezember 1904 flüchtete Jacobsohn vor dem „Paroxysmus der Rache und der Schadenfreude“ aus Berlin nach Wien, reiste durch Italien, wo er „eine vollständige Neugeburt“ erlebte, und nach Paris. Dort entschloss er sich in trotziger Selbstbehauptung und ermutigt von Hugo von Hofmannsthal, nach Berlin zurückzukehren und „eine eigene Zeitschrift für Drama und Theater“ zu gründen. „Mein Blättchen ist gesichert“, konnte er im Juni 1905 Arthur Schnitzler sagen; Freunde, das heißt deren Väter, brachten das Geld zusammen.

Am 7. September 1905 erschien das erste der ziegelroten Hefte, die als „Die Schaubühne“ und 1918 bis 1933 als „Die Weltbühne. Wochenschrift für Politik. Kunst. Wirtschaft“ eine wichtige Zeit des Theaters in Berlin reflektierten. Gleichzeitig begleiteten sie kritisch die immer kompliziertere Wirklichkeit, die Tragödien des Kriegs, der Revolution und der bedrohten Republik. 1926, nach Jacobsohns frühem Tod, rief sein bester Mitarbeiter und Freund Kurt Tucholsky dem leidenschaftlichen Kritiker und Redakteur nach: „Jeder andre hat geschwiegen, wo er in den letzten Jahren sprechen ließ, viele haben Reklame blasen lassen, wo er schweigend vorüberging; er kannte in der Politik und in der Kunst keine Furcht.“

Alexander Weigel ist Mitherausgeber der fünfbändigen Jacobsohn-Werkausgabe „Gesammelte Schriften 1900 – 1926“. (2684 Seiten, 149 Euro, Wallstein Verlag). Am 28. Januar, 20 Uhr, wird die Edition im Literaturhaus Fasanenstraße vorgestellt.

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