Kultur : Sturz in den Vulkan

CHRISTIAN SCHRÖDER

TAGESSPIEGEL: Friedrich Hölderlin ist ein seit 150 Jahren toter Dichter, der heute hauptsächlich noch von Germanisten gelesen wird.Warum sollte sich ein Kinozuschauer des Jahres 1998 für ihn interessieren?

GROSSE: Weil Hölderlin bis heute aktuell ist.Viele wissen es bloß nicht.Er hat ein Leben geführt, das ein großer kühner Aufbruch war in die Welt, der brutal gescheitert ist.Sein Entwurf von sich selber, der Liebe und dem Leben war so groß gedacht, daß sein Scheitern umso tragischer sein mußte.Mich berührt sein Schicksal sehr.Dem Zuschauer geht es hoffentlich genauso.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie, daß diese Kühnheit eines Lebens heute fehlt?

GROSSE: Ja.Anhand von Hölderlin spüren wir, daß uns eine gewisse Tiefe des Gefühls abhanden gekommen ist.Und ein bestimmter Wagemut.

TAGESSPIEGEL: In "Feuerreiter" wird immer wieder aus dem Werk Hölderlins zitiert.Hatten Sie keine Angst, daß dabei Schulfernsehen herauskommen könnte?

GROSSE: Nein.Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man visuell den Prozeß des Dichtens umsetzen kann.Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.Bis auf eine Szene, in der Hölderlin vor Publikum liest, haben wir tatsächlich Bilder gefunden, die das Schreiben umsetzen.Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der Hölderlin ein Pergament ans Fenster hält und nach Stellen sucht, wo noch ein Wort hinpaßt.Er hat wirklich so geschrieben: Er ließ große Lücken und setzte dann nach und nach die Wörter ein, die paßten.Und dann gibt es noch eine Szene, in der Hölderlin sagt: "Ich werde nie ein Gedicht sein können" und verzweifelt versucht, indem er seinen Körper bekritzelt, dennoch eines zu werden.Das zeigt seinen Anspruch, mit der Sprache zu verschmelzen.

TAGESSPIEGEL: Sie erklären die Tragik Hölderlins, seinen Weg in den Wahnsinn mit dem Scheitern seiner Liebe zu einer verheirateten Frau.Ist das nicht ein wenig eindimensional?

GROSSE: Natürlich kann man dem Film vorwerfen, er greife zu kurz.Aber wir können auch gar nicht den Anspruch haben, Hölderlin so zu zeigen, wie er wirklich war.Im Kino hat man nicht den Raum, alle Aspekte eines Lebens zu behandeln.Wir haben uns für die Liebesgeschichten - es sind ja zwei: auch die Beziehung zu Baron Sinclair war eine Liebe - entschieden, weil sie sehr viel aussagen über Hölderlin.Die Liebe zu Sinclair steht für den Ruhm, das Äußerliche, den Erfolg in der Gesellschaft.Und die Liebe zu Susette Gontard steht für die Frage, inwieweit ein Künstler überhaupt ein Zuhause finden, einen Alltag mit Familie leben kann.Deshalb haben wir ein Dreieck von Figuren konstruiert.Das Auseinanderbrechen dieses Dreiecks ist es, was Hölderlin am Ende zerreißt.

TAGESSPIEGEL: Es gibt in dem Film eine Szene, in der Hölderlin und Sinclair sich im revolutionären Überschwang zuprosten: "Nichts wird sein, wie es war!" Dasselbe hat Willy Brandt beim Fall der Mauer gesagt.Sehen Sie eine Parallele zwischen 1789 und 1989?

GROSSE: Auch wir leben in Zeiten, die sich radikal umwälzen.Aber was es 1789 bedeutet hat, daß ein König nicht nur abgesetzt, sondern auch enthauptet wurde, daß eine ganzes gottgegebenes System eingerissen worden ist, das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen.Heute erleben wir Umwälzungen, die aus dem Verlust von Utopien hervorgingen.Damals passierte das Gegenteil: Utopien entstanden.Der Niedergang des Sozialismus - der ja aus dem wuchs, was 1789 begann - ist ein großer Verlust von Utopie, nicht nur im politischen, sondern auch im privaten Leben.Vielleicht wirkt eine Figur wie Hölderlin mit ihrem ganzen Pathos deshalb heute so fremd.

TAGESSPIEGEL: Was ist Ihr Lieblingszitat von Hölderlin?

GROSSE: Es ist die Zeile, die er am Ende des Films spricht: "Und immer ins Ungebundene geht eine Sehnsucht." Das ist eine Sehnsucht, die ich total teile.Obwohl da auch etwas Destruktives mitschwingt: Im Ungebundenen ist man nie gefestigt, befestigt, man befindet sich in permanenter Auflösung.Deshalb hat sich Hölderlin auch dem Empedokles so nahe gefühlt: Der hat sich in die Flammen des Vulkans gestürzt, weil er nur durch diesen Tod den Göttern nahe sein konnte.Ich verstehe den Satz so: Es gibt immer einen Entwurf, der größer ist als man selbst.

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