Kultur : Sturzbach von Tränen aus silbrigem Blei

RONALD BERG

Zwei Monate nach Wolf Vostells Tod richtet ihm sein Sohn nun die Hommage selber aus.Eine öffentliche Institution, die spontan bereit gewesen wäre, Vostell posthum mit einer Ausstellung zu ehren, hat sich nicht gefunden.Die Berliner Retrospektive steht erst im nächsten Jahrtausend an, nach der Renovierung des Martin-Gropius-Baus.Und das 1976 vom Künstler selbst gegründete Vostell-Museum liegt nun auch nicht in Berlin, sondern befindet sich im spanischen Malpartida nahe der portugiesischen Grenze.Vostell besaß hier ein Atelier.Immerhin, so erzählt Rafael Vostell, hätten ihn die Blumen gerührt, die Verehrer im April an Vostells einbetonierten Cadillacs am Rathenauplatz niederlegten, und das, obwohl der Vater Blumen gar nicht so gerne mochte.

Rafael Vostell präsentiert in seiner Ausstellung eine Auswahl des Werks aus den letzten zehn Jahren, pro Jahr eine Arbeit.Es überwiegt dabei die Malerei.Das überrascht.Denn das malerische Werk ist in Berlin bisher relativ unbekannt.Die Vostell-Retrospektive von 1992 spielte sich ausschließlich an fünf Orten des Reinlands ab.

Aber es gibt noch anderes zu entdecken.So zeigt die Galerie die letzte vollendete Arbeit des Künstlers: "Ritz" versammelt noch einmal vieles, was für Vostell typisch ist: das Mit- und Nebeneinander des Unvereinbaren.Es handelt sich um eine Assemblage, jenes Medium, mit dem Vostell berühmt geworden ist."Ritz" benutzt zudem ein weiteres Markenzeichen des Künstlers: den integrierten Minifernseher.Er befindet sich hier am Unterleib eines nackten weiblichen Plexiglas-Torsos.Die Arbeit besitzt Humor: Der am Bügel hängende Frauenleib trägt ein im Schritt offenes Höschen, durch den der Fernseher das aktuelle Programm flimmern läßt.

Kein schlechter Abgang, diese Ironie, mit der Vostell das Feld der Kunst verläßt, jenes Feld, das er selbst zu vergrößern half.Denn Vostell steht exemplarisch für den Aufbruch der Kunst in neue Dimensionen: Collage, Decollage, Assemblage, Environment und Happening, das sind die Etappen auf dem Weg der Kunst ins Leben.Es sind die Stationen von Vostells Künstlerleben gewesen.

Nur das gesellschaftliche Konzept dieser politisierten Kunst muß heute wohl als gescheitert gelten.Beliebt beim Volk waren die Avantgardisten erst, als sie es bis ins Museum geschafft hatten.Gerade Vostell mußte das erleben.Der Volkszorn anläßlich des Skulpturenboulevards von 1987 entzündete sich besonders an Vostells Beitrag.Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, und die zwei "Betoncadillacs in Form der nackten Maya" am Rathenauplatz scheinen auch die Autofahrerlobby nicht mehr zu stören, die hier täglich ihren Tanz um das goldene Kalb aufführt.

Mit der Aufregung von damals wird man Vostells Gemälden wohl kaum begegnen.Nicht nur, daß sich die provozierende Stellungnahme hier nur in den Grenzen des Bildrahmens abspielt, auch die von Vostell häufig bemühten Kontraste von Gewalt und Erotik, Krieg und Pornographie sind in der Malerei qua Medium schon beruhigt, gebrochen und nivelliert: Sie sind auf die gleiche (Bild-)Ebene gebracht.Und selbst der Mix von Material und Farbe feiert nicht mehr den Bruch und die Differenz, sondern fügt sich zu einem Ganzen.Das große Auge der "Weinenden" etwa wirkt mit seinem Sturzbach aus silbrigem Blei schon fast komisch in der Maßlosigkeit seiner Bedeutung und der weitgehenden Abstraktion im Formalen.

Motivisch ist es Vostell allerdings immer noch ernst.Das Riesenformat der "Schule von Athen" hat mit den humanistischen Idealen des gleichnamigen Bildes von Raffael, das der Verehrung von Philosophie und Wissenschaft Ausdruck gab, nicht mehr viel gemein.Statt dessen Leid und Kampf der halb einbetonierten Objekte untereinander: ein Bein, das einen Kopf tritt, der abgetrennte Arm mit KZ-Tätowierung, die Schenkel einer Frau, begafft von einer Menge monströser Betonköpfe.Die Szene auf blutroter Bühne erinnert in ihrer Eindringlichkeit und Betroffenheit, ja selbst in ihrer Manier an Francis Bacon.

Vostell scheint als Maler wie ein Schwamm das Milieu der Einflüsse aufgesogen zu haben, je nachdem wo er sich gerade befand.Im spanischen Atelier kamen andere Bilder zustande als in Berlin.Bei der "Liegenden in der Nacht" denkt man vor allem an den von Vostell so geschätzten Picasso.Die bläuliche Farbe und die kubische Behandlung der Figur erinnern an den Spanier, auch wenn Vostell hier noch zusätzlich Eisenplatten am Bild angebracht hat.Auch ein Schuß Hannah Höch in Form eines wie collagiert wirkenden Frauenkopfes durfte hier nicht fehlen.

Damit wären die Wurzeln benannt, aus denen der Fluxus-Artist Vostell auch als Maler schöpfen konnte.Ohne die Pioniere der Moderne, ohne Dada hätte Fluxus, hätte Vostell nicht den Stab der Avantgarde aufnehmen können.Und ist nicht auch die Einbeziehung des Fernsehers ins Bild, den Vostell 1958 in die Kunstgeschichte einführte, eine Erweiterung der dadaistischen Collage um eine Dimension, nämlich die des bewegten Bildes?

Peinlich wird es bei Vostell allerdings dann, wenn die Kunst Handlanger der Gesinnung wird.Vostells "Fine del Golfo", sein Kommentar zum Golfkrieg von 1991, ist bestenfalls "gut gemeint".Die Form, das Gemenge aus Gasmasken und Gipsfüßen in einem Armeeschlauchboot, ist nicht zwingend.Die permanente Gefahr der Assemblage, zum Sammelsurium zu werden, ist hier schlagend bewiesen.Vostells Kommentar zum "Fall der Berliner Mauer" von 1990 dagegen hat den Vorteil, durch den Filter der Malerei gegangen zu sein.Hier prangen einzig noch weiße Teller als Todessymbole auf dem Bild, während ansonsten gemalte Monstren, betonbekleckert und mit aufgerissenem Maul, die Szene bevölkern.Keine schöne Vision, die Vostell in diesem Akt der Befreiung gesehen hat, aber - ob richtig oder falsch beobachtet - das Bild als Bild stimmt.

So gesehen vermag das uralte Medium der Malerei mitunter mehr als die modernsten künstlerischen Techniken, bei denen eher der Neuigkeitseffekt verführt, als daß sie ästhetisch bewältigt wären.Wie man sieht, hat auch der Fluxus-Pionier nicht auf die Malerei verzichten wollen.

Fine Art Rafael Vostell, Knesebeckstraße 30, bis 22.August; Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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