Kultur : Stuttgarter Staatsoper: Freiheit, Zukunft! Von da nach dort und irgendwo

Mirko Weber

Dass auch ja alle sich durch vier schöne, lange Akte Beaumarchais, da Ponte und Mozart hindurch finden, wird die von Regisseur Nigel Lowery zu verhandelnde Sache in der Stuttgarter Staatsoper von Anfang an auf den Strichpunkt gebracht: Ein Vorhang, drei Figuren: Blaumännchen (ausgestreckte Arme, Schürzenmädchen (ausgestreckte Arme), dazwischen ein Rotrock (massig in der Mitte). Man sieht es schon: Graf Almaviva fühlt sich zum weiblichen Personal hingezogen, aber gleich hört man nachdrücklich in der Musik, dass dies jetzt alles nicht mehr so einwandfrei über die Bühne zu bringen sein wird wie früher, als die Revolution fern war und der Chef sich raus nehmen konnte, was er wollte. Der Chef selber ist schon ziemlich herunter gekommen, wenn er im Nachthemd am Morgen den Kühlschrank seiner Untergebenen plündert, um etwas gegen den Nachtbrand zu tun: Ah, wenigstens Mineralwasser. Das tut gut. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich der Hausherr noch leidlich auf der Höhe des Geschehens. Er sieht die eher unfeine Bude von Susanna und Figaro (Second-Hand-Kram, um eine Waschmaschine gruppiert, Hinterhofausblick), als das, was sie zu scheint: Schrott. Blickte er nach oben, sähe Almaviva sie als das, was sie ist: die Abluftrohre enden schließlich in seinen Gemächern, die denselben Zuschnitt haben und nur oberflächlich gesehen wirklich besser möbliert sind.

Alles ist mit allem verbunden. Alles wird eins. Wenig später findet sich der Graf beim Versteckspiel mit Cherubino auf der Außentoilette wieder. Bei der "Perdono"-Reihumvergebung am Schluss packt den unfeinen Edelmann ganz einfach die nackte Angst: wenn die Aussicht nicht anderes mehr bietet als Feuer, das Nigel Lowery im Garten von Bunsenbrennern hochjagen lässt. Da krallt sich der große Graf gottsjämmerlich hysterisch klein in den Arm seiner gebeutelten Frau. Ob morgen auch noch ein Tag ist?

Man soll sich keine Illusionen über das Triebleben seiner Durchlaucht machen, als Morgenröte einer besseren Zeit sieht er das Licht wohl nicht leuchten. Aber: Er begreift, dass die Gräfin irgendwann ein Kind von Cherubino bekommt. Nicht nur am Ende ein ziemlich erhellender Abend also, denn Nigel Lowery, der bisher vor allem in Basel inszeniert hat (schurkische "Hänsel und Gretel"" und einen mehr als schrägen "Lohengrin") widersteht der Versuchung, verspielter zu sein, als das Stück. Er opfert Mozarts "Figaro" also nicht einer Betriebsmechanik, an der in Stuttgart vor 15 Jahren Peter Zadek recht harmlos Gefallen fand. Von den Sheffield-Classic-Tapetenmustern bis zu den Plastikgartenstühlen dominiert nur auf den ersten Blick optische Schäbigkeit das Stück. Der Rest ist feiner ausgedacht.

Es hat schon seinen Sinn, wenn Figaro zur vermeintlich bevorstehenden Hochzeit zum modischen Business-Anzug eine Krawatte umbindet, die im Farbton Almavivas historisch zeitgemäß orangene Beinkleider zitiert. Das Personal ist dem Prinzipal immer eine Nasenlänge voraus. Dabei wird Lowery niemals böse. Er kultiviert viel eher einen satirischen Blick aufs Geschehen. Selbst die schwer zu inszenierende Gartenszene gerät ihm als leichtes Virtuosenstück. Wo sich sonst die Leiber auf der Szene dumm rennen, zeigt Lowery (vom schwarzen Bühnenbildrand verdeckt) nur die Beine der Menschen, wie sie von da nach dort und irgendwo gehen. Dann wird es ziemlich kalt, obwohl es brennt. Figaro und Susanna werden in ihren wundersamen Waschsalon zurückkehren, sie haben sich einiges zu erzählen.

Lowery ist ein ironischer Geschichtenerzähler, als Psychologe hantiert er mit dem kleineren Besteck. Wo es in Richtung Komödie geht, sucht er nicht groß nach einem Umweg. Luc Bondy schlug in Salzburg vor Jahren die gegenteilige Richtung ein, witterte in jedem Scherz das Tragische. Lowery ist ein Pointentrüffelschwein. Die Inszenierung lebt gut von seinen Jokes, am meisten jedoch sie von einem beweglichen Stuttgarter Generalmusikdirektor Lothar Zagrosek, der das klein besetzte Staatsorchester in der Ouvertüre gekonnt bremst, während er schon wieder ungestüm vorwärts drängt. Es weht keine Traurigkeit durch die Partitur wie bei Harnoncourt, sondern Freiheit. Zukunft. Zagrosek ist nie pathetisch, sondern spielerisch am Text entlang, hellwach in den Ensembles. Was ihm an Druck zu fehlen scheint, gleicht er aus durch eine forcierte Dynamik, die über das ein oder andere Piano forsch hinweg geht. Stuttgarter Markenzeichen, wie so oft: Ein Ensemble, das schauspielerisch viel riskiert und im Zweifelsfall Schöngesang Schöngesang bleiben lässt. Es könnte weniger metallen zugehen bei der Susanna von Catriona Smith, etwas weniger breit beim Figaro von Hernan Ituralde, etwas mehr (selbst)verständlich bei der Gräfin (Martina Serafin) und dem Almaviva von Robert Hayward. Andererseits sieht man immer lieber wahrhaftige Opermenschen als vollendet programmierte Vokalmaschinen, und wenn die Dinge dann so schön in eins fallen wie beim überragenden Cherubino von Claudia Mahnke, dann ist dies das Tüpfelchen auf dem I.

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