• Subversives Jubiläum: Vor 50 Jahren erschien Herbert Marcuses "Der eindimensionale Mensch"

Auch ökonomische Gleichschaltung verhindert eine Opposition gegen das Ganze

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Subversives Jubiläum : Vor 50 Jahren erschien Herbert Marcuses "Der eindimensionale Mensch"
Auf den Wassern der Revolution. Herbert Marcuse 1968 in Venedig.
Auf den Wassern der Revolution. Herbert Marcuse 1968 in Venedig.Foto: picture-alliance / dpa

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entzieht sich Marcuse dem Lagerdenken, indem er mit der Kritik am „Sowjetmarxismus“ und mit der Tendenzbeschreibung des entwickelten Kapitalismus die negativen Aspekte beider Herrschaftssysteme an ihren Fehlentwicklungen misst. Denn „totalitär“ sei nicht nur eine „terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft“, sondern auch eine „nicht-terroristische ökonomisch-technische Gleichschaltung“, die sich in der „Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte Interessen“ geltend mache. Sie beuge so „dem Aufkommen einer wirklichen Opposition gegen das Ganze“ vor.

Der Autor hebt einen vom traditionellen Marxismus nicht beachteten Aspekt hervor: die Manipulation des Individuums, seine Instrumentalisierung durch die „suggestive Kraft“ der Konsumwerbung. Dem setzt Marcuse das Prinzip der „Negation“ entgegen – einerseits die Verneinung durch Kritik, andererseits die Suche nach dem qualitativ Anderen. Dabei zeigt er sich relativ pessimistisch und betont die „affirmative“ Kraft des „eindimensionalen Denkens“.

Erst in den Schlussbetrachtungen seines Buches taucht das zentrale Schlagwort der „Großen Verweigerung“ auf. Bei seinem Appell zu einer „Negation in der politisch ohnmächtigen Form der ,absoluten Weigerung‘“ stützt Marcuse sich explizit auf den französischen Autor und Literaturtheoretiker Maurice Blanchot. Er bemüht ihn aber nicht im postrukturalistischen Kontext, sondern als Mitglied der Résistance und Initiator eines Manifestes, das französische Soldaten zur Gehorsamsverweigerung im Algerienkrieg aufrief. Marcuse zitiert aus Blanchots Aufsatz „Le refus“, der 1958 erschien: „Was wir ablehnen, ist nicht ohne Wert oder Bedeutung. Eben deshalb bedarf es der Weigerung. Es gibt eine Vernunft, die wir nicht mehr akzeptieren; es gibt eine Erscheinung von Weisheit, die uns in Schrecken versetzt; es gibt die Aufforderung zuzustimmen und sich zu versöhnen. Ein Bruch ist eingetreten. Wir sind zu einer Freimütigkeit angehalten, die das Mittun nicht mehr duldet.“

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Zum 50. Geburtstag des „eindimensionalen Menschen“ hat Peter-Erwin Jansen bei zu Klampen eine Neuausgabe des Buches ediert (290 Seiten, 20 €). Im Nachwort berücksichtigt er auch die Erkenntnisse eines Seminars der Universität Heidelberg. In der Analyse der modernen digitalen Welt geht es den Studenten nicht nur um die „Entlarvung“ der Eindimensionalität von Facebook-Funktionen und Smartphone-Apps, sondern generell um die Freisetzung einer neuen Suchbewegung: „Wie kann Technik heute die Fesseln lösen, den Menschen aus eindimensionaler Arbeit und Freizeit zu entlassen? Wie können in freier Zeit seine wahren Bedürfnisse gefördert werden? Gibt es Opposition außerhalb der Eindimensionalität?“

Für das Frühjahr hat die Konzertagentur Seliger eine neue Tournee des „Team Marcuse“ angekündigt. Schließlich trägt Herbert Marcuses Grabstein auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin die Inschrift „Weitermachen!“.

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