Kultur : Sucht und Eifersucht: "Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch"

Anja Hirsch

Es ist ein schwerfälliges Buch. Vielleicht, weil Erinnerung schwerfällig wird, wenn die Eifersucht den Weg verstellt. Jörg Steiner wählt ein in der Literatur seltenes Thema: Bruderliebe. Er lässt uns stolpern auf der Suche nach der wahren Geschichte und den Gefühlen, das wirklich zwischen den Brüdern steht. Nicht nur Liebe. Auch Sucht und Eifersucht. Notiz aus einem krakeligen Schulaufsatz: "Mein Bruder ist mutig und fröhlisch. Er ißt nicht gern Fleisch. Mein Vater sagt, du mußt das Fleisch essen, sonst gibt es eine Strafe. Aber er ißt nicht, und es gibt doch keine Strafe. Ende!" So einfach könnte die Beschreibung sein. Jörg Steiners "Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch" hat biblisches Format - mit einem Unterschied: der Mord Goodys, des älteren Bruders, aus der Hand des jüngerengeschieht nur im Traum. Steiner hat fein arrangiert, jeder Absatz ein Bild, das mit dem nächsten konkurriert, überhaupt ein Puzzle der Verwundungen. Nur eigentümlich, dass der eine Bruder dem anderen gar nichts anhaben kann. Goody wenigstens, von dem der angenehm zurückhaltende Erzähler den jüngeren Bruder berichten läßt, scheint unverwundbar. Aus einer Stärke heraus, die nicht erarbeitet, sondern Teil seiner fantasieumrankten Welt ist. Manchmal nur erhalten Freunde und einmal eine amerikanische Geliebte Eintritt zum Heiligtum Goody Eisinger. Er ist Aufseher im Museum, eine Art Philosoph: "Da ist nichts zu machen: Goody Eisinger spricht alles aus, was ihm durch den Kopf geht." Und tanzt auch mal zu Musik von Schostakowitsch. Hört Äpfel singen. Sieht und fühlt in der Kirche "beschädigte Fresken, die Kälte der Steinplatten unter den Füßen, das Schweigen Gottes, den Geruch von Pisse, Kerzenwachs, feuchtem Holz, Blumen, Moder und Staub." Der nüchterne Bruder dringt nie ein in Goodys Welt. Sein Drang, den Bruder auszuspionieren und alles zu notieren, was dieser von sich gibt, ist trauriges Surrogat. Tragik eines ungleichen Bruderpaars: Goody ausgestattet mit dem kreativen Potential, der andere nur mit dem Vermögen, schriftliches Gedächtnis zu sein. Wenig Sinn scheint er dafür zu haben, dass sich alles, was dieser Goody von sich gibt, wie Literatur liest. Wie Aufmerksamkeiten, die uns im stillstehenden Blick die Welt ausbreiten. Wer nicht innehalten möchte, erfährt diese Kunst als schleppend. Denn die Bilder ruhen oftmals beziehungslos. Steiner spielt das Misstrauen gegen die Verlässlichkeit der Wahrnehmung konsequent aus: seine Bildsprache ist Hinweis für das Unvermögen des jüngeren Bruders, sich Goodys Geschichte anzueignen.

Goody verschwindet eines Tages einfach aus der Stadt. Der Bruder, süchtig nach Goody, nistet sich in dessen Wohnung ein und droht selbst zu verschwinden. Es könnte eine Befreiung sein. Denn Steiner schreibt, indem er über Goody berichten lässt, vor allem die Geschichte des anderen Bruders, der sich nun beim Schreiben verwandelt. Ob unter dem Aufwand der Selbstverleugnung, das bleibt offen. Aber das kleine Stück Verrücktheit, das sich der Jüngere von Goody aneignen wird, steht ihm gut, wenngleich es noch die Schwerfälligkeit des Nachahmenden birgt. Nach dem letzten Satz hätte Steiner ein leichtgängigeres Buch schreiben können. "Einfach anfangen", sagt Eisinger. "Endlich einmal anfangen. So einfach ist das."

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