Kultur : Sudetendeutsche: Heimat in Europa

Ludmila Rakusan

Trachten- und Musikvereine, Kreis- und Ortsgruppen mit aufwendig gestickten Fahnen, bayerische Politprominenz und als Ehrengast der österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel: Am Pfingstwochenende trafen sie sich in Augsburg, um den 52. Sudetendeutschen Tag zu begehen. Hauptredner der Veranstaltung ist am Pfingstsonntag der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber.

Am Samstag ehrten die Vertriebenen den österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel mit einem Preis. In seiner Rede unterstützte Schüssel unter Beifall die Forderung der Sudetendeutschen an die tschechische Regierung, die so genannten Benes-Dekrete aufzuheben, mit denen die Vertreibung und Enteignung dieser Volksgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg für rechtens erklärt wurden. Gelobt wurde Schüssel auch, weil er die Frage der Vertreibung "konsequent wieder und wieder auf die Tagesordnung der Gespräche mit tschechischen Politikern" einfließen lasse.

Von der Bundesregierung dagegen fühlen sich die Vertriebenen im Stich gelassen. Mit Pfiffen und Buhrufen empfingen sie die charmante Staatssekretärin beim Bundesinnenminister, Cornelie Sonntag-Wolgast. Mit ihr war zum ersten Mal seit dem Machtantritt der Regierung Schröders ein Regierungsmitglied beim Sudetendeutschen Tag. Grafik: Das Sudetenland Sonntag-Wolgast übermittelte den Versammelten offizielle Grußworte des Bundeskanzlers. Für den Standpunkt der Bundesregierung, das gegenwärtige deutsch-tschechische Verhältnis dürfe nicht mehr von der Vergangenheit belastet werden, gab es dort überhaupt kein Verständnis. Am Schluss ihrer Rede schlug die SPD-Politikerin, die auch Grüße von Bundeskanzler Gerhard Schröder überbrachte, versöhnliche Töne an und sagte im Hinblick auf die Vertreibung, "dass Unrecht auch Unrecht genannt werden muss".

Seit sich Schröder und sein tschechischer Kollege Zeman vor zwei Jahren auf die Formel einigten, die nach dem einstigen tschechoslowakischen Präsidenten Benes benannten Nachkriegsdekrete seien "erloschen", fühlen sich Sudetendeutsche mit ihren Forderungen nach Heimatrecht und Wiedergutmachung im Stich gelassen. Im letzten August reichte eine Sudetendeutsche, durch die SL gestützt, deswegen eine Klage gegen die Bundesregierung ein.

Die traditionelle Mischung aus Heimatfest, Familientreffen und politischen Forderungen steht diesmal unter dem Motto "Menschenrechte wahren - Brücke sein". Die feierlichen Festreden ließen allerdings kaum Zweifel daran, dass sich die Vertriebenenverbände, die heute zweifellos als Brückenschläger zum Osten Europas funktionieren, weiterhin auch als Brückenwacht verstehen.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, betonte bei der Eröffnung am Samstag, dass sich Tschechien, aber auch Polen und Slowenien noch vor der geplanten EU-Osterweiterung von ihren diskriminierenden Nachkriegsgesetzen distanzieren sollen. Mit jenen Gesetzen wurden die dort lebenden deutschen Minderheiten vor ihrer Vertreibung enteignet.

Der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) und Präsident des Bayerischen Landtags, Johann Böhm, bekräftigte die Forderung der sudetendeutschen Volksgruppe nach Wiedergutmachung. Bereits auf der SL-Bundesversammlung am 24. März nahm Johann Böhm kein Blatt vor den Mund: "Die Tschechen schleppen Unrecht mit sich. Sie haben drei Millionen Deutsche vertrieben, enteignet und gequält. Und sie haben nichts wiedergutgemacht. Daher passen sie noch nicht nach Europa."

Rückendeckung erhofft sich die Landsmannschaft auch von der im Jahre 1999 beschlossenen Entschließung des Europäischen Parlaments, worin die Tschechische Republik aufgefordert wird, die "Benes-Dekrete" aufzuheben. Dieser Resolution schlossen sich inzwischen der österreichische Nationalrat und der Bayerische Landtag an. An deren Verabschiedung in Straßburg wurde der EU-Abgeordnete Bernd Posselt, seit einem Jahr SL-Vorsitzender, "maßgebend beteiligt".

Dennoch macht sich hinter den Kulissen Ernüchterung breit. Die jetzige Führungsspitze der Landsmannschaft, die nicht mehr der Erlebnis- sondern eher der Bekenntnisgeneration der Sudetendeutschen zuzurechnen ist, beschäftigt sich zunehmend mit der Frage, was tun, falls Tschechien in die EU aufgenommen wird, ohne vorher seine Hausaufgaben in Sachen Unrechtsverarbeitung erledigt zu haben.

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