Kultur : Sudetenland ist abgebrannt

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Von Jörg Bernig

Wer sich in den letzten Jahrzehnten um eine Annäherung von Deutschen und Tschechen bemüht hatte, war überrascht und fassungslos. Bis kurz vor den Parlamentswahlen am 14. Juni feierte die tschechische Regierung die ethnische Säuberung der Nachkriegstschechoslowakei als friedensfördernd und empfahl sie im Nahen Osten gar zur Nachahmung. Sozialdemokratische Regierung wie Opposition haben die deutsch-tschechische Erklärung von 1996 in Zweifel gezogen und ihre Dürftigkeit sowie historische Ungenauigkeit ans Licht gebracht. „Beide Seiten stimmen darin überein, dass das begangene Unrecht der Vergangenheit angehört und werden daher ihre Beziehungen auf die Zukunft ausrichten,“ heißt es darin. Wenn aber das Unrecht der Vertreibung und Enteignung von drei Millionen Sudetendeutschen, von denen viele Tausend zu Tode kamen, begrüßt und zynisch kommentiert wird, wie es der nicht mehr zur Wahl angetretene Ministerpräsident Miloš Zeman und sein Vizepremier sowie Nachfolger Vladimir Špidla taten, dann lebt es fort.

Václav Havel versuchte, die Situation unter Hinweis auf die Wahlkampfrhetorik zu entschärfen. In einem Gespräch mit dem Tageblatt „Právo“ verwies er zudem auf die „vielfältigen Arten von Druck“ sowie auf die „Mentalität der Meute“ und stellte dies in den Kontext zweier totalitärer Systeme. Dass der tschechische Oppositionschef Václav Klaus jüngst die Verankerung der vermeintlich erloschenen Präsidialdekrete von Edvard Beneš im Beitrittsvertrag zur Europäischen Union forderte, hat ihm nichts genützt. Seine Partei verlor Stimmen. Die Frage aber bleibt: Warum sollte etwas Erloschenes Bestandteil eines Vertrages sein? Und wie soll man verstehen, dass die tschechische Senatskammer erst letzte Woche einen posthumen Masaryk-Orden für Beneš forderte?

Die Vertreibungsdekrete des Präsidenten Beneš haben sich derart im Denken der politischen Schicht Tschechiens festgesetzt, dass die in ihnen zum Gesetz erhobene Kollektivschuldthese nicht angezweifelt wird. Auch die eigene Entindividualisierung zu Zeiten des Kommunismus hat daran keinen Zweifel aufkommen lassen. Das mag daran liegen, dass nicht alle Gegner des realsozialistischen Systems waren. Ebenso erfolgreich hat sich verankert, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen eine Folge der Potsdamer Erklärung der Siegermächte vom August 1945 war. Doch schon das „Dekret des Präsidenten der Republik vom 19. Mai 1945“ regelt „die nationale Verwaltung der Vermögenswerte der Deutschen, der Madjaren, der Verräter und Kollaborateure“, und das „Dekret des Präsidenten der Republik vom 21. Juni 1945“ regelt „die Konfiskation und beschleunigte Aufteilung des landwirtschaftlichen Vermögens der Deutschen, Madjaren, wie auch der Verräter und Feinde des tschechischen und slowakischen Volkes.“

Das Jahr der Ursünde

Dass die seinerzeit mühevoll zustande gebrachte deutsch-tschechische Erklärung nun nicht mehr zu tragen scheint, liegt an einem in ihr festgeschriebenen Irrtum. Die sudetendeutsch-tschechische Geschichte wird auf die Jahre ab 1938 reduziert und das Jahr 1938 als das Jahr der Ursünde gesehen. Damit werden tausend Jahre gemeinsamer Geschichte ausgeblendet, tausend Jahre, die zwar kein Multikulti-Paradies waren, aber doch über weite Strecken eine erfolgreiche gemeinsame Geschichte. Die Erklärung blendet den Beginn beidseitiger nationalistischer Radikalisierung um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus und berücksichtigt auch nicht, dass die Verbrechen des 20. Jahrhunderts auf sudetendeutscher wie auf tschechischer Seite vorgezeichnet waren. Und sie nimmt nicht wahr, dass die erste, panslawisch ausgerichtete Tschechoslowakische Republik ihrer zweitgrößten Bevölkerungsgruppe, den Deutschen, nicht den Rang eines Staatsvolkes zubilligte, sondern nur den einer ungeliebten Minderheit. Das hat nichts mit einer Exkulpation sudetendeutscher Gegner des tschechoslowakischen Staates zu tun. Diese vermeintlichen Verteidiger des Deutschtums in Böhmen haben größten Schaden angerichtet und ab 1938 Verbrechen an Tschechen, Juden und Sudetendeutschen begangen. Auch sie tragen Verantwortung für die 1945 einsetzende Vertreibung. Der Angriff auf die Republik erfolgte im 20. Jahrhundert aber aus zwei Richtungen: von Seiten der tschechischen Nationalisten und von Seiten der sich um Henlein versammelnden Sympathisanten des Nationalsozialismus.

Wenn das Verhältnis von Deutschen und Tschechen in diesem Jahr auf die Frage der Vertreibungsdekrete reduziert scheint, liegt das an der Blindheit gegenüber der Geschichtlichkeit unserer Existenz. Auf Dauer lässt sich dies nicht verdrängen. Eine jüngere Generation von Wissenschaftlern erforscht in Tschechien die unmittelbare Nachkriegsgeschichte, Künstler stellen unbequeme Fragen an die Älteren. Denn die Vertreibung von drei Millionen Menschen, die Tötungen, die Vergewaltigungen, die Misshandlungen in den Lagern bedurften mehr als nur einer Handvoll Akteure. So wie es nicht richtig ist, einem Kollektiv aufgrund seiner ethnischen Zusammensetzung Schuld zuzuweisen, so wenig tauglich ist eine über Jahrzehnte gepflegte kollektive Opferrolle. Das ist eine Erfahrung aus Zeiten des Totalitarismus, die von Tschechen wie Deutschen geteilt wird.

Die Beziehungen zwischen Sudetendeutschen und Tschechen sind auch nicht primär bestimmt von einer Restitutionsfrage, wie sie im tschechischen Wahlkampf in den Vordergrund gespielt wurde, um die Unrechtmäßigkeit der Vertreibung nicht anerkennen zu müssen und um durch Angsterzeugung das eigene politische Überleben zu sichern. Kaum einer denkt daran, ehemaligen Familienbesitz in Böhmen, Mähren und böhmisch Schlesien in Besitz zu nehmen. Doch wäre es nicht eine Möglichkeit, die Unrechtmäßigkeit anzuerkennen und dafür einen Verzicht auf Rückgabe zu erhalten? Mit der Anerkennung der Unrechtmäßigkeit müsste allerdings das Recht auf Rückkehr verbunden sein, ein Recht, das sich eben nicht en passant mit der innereuropäischen Freizügigkeit einstellen sollte. Wer allerdings zurückkehren will, muss nach den Gesetzen der Tschechischen Republik leben.

Europa kann es sich nicht leisten, Gesetze, die Vertreibungen legitimieren, zu inkorporieren, auch wenn versichert wird, dass sie keine Wirkung mehr entfalten. Hier geht es um die Möglichkeit, aktiv einzugreifen, wenn es irgendwo an den europäischen Grenzen wieder einmal zu Vertreibungen kommen sollte. Weil Europa seine Vertreibungsgeschichte, die ja nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann, ausgeblendet hat, konnte es während der neunziger Jahre nur paralysiert auf den Balkan starren. Die niederländischen Soldaten, die in ihrer Hilflosigkeit ihre Schutzbefohlenen von Srebrenica den ethnischen Säuberern auslieferten, stehen beispielhaft für Europas Umgang mit diesem Teil seiner Geschichte.

Die Tür muss offen bleiben

Es geht nicht um einen Eingriff in die Integrität des tschechischen Staates und auch nicht um eine Drohung, den EU-Beitritt zu verhindern, wenn die Vertreibungsdekrete nicht aufgehoben werden. Vielleicht bietet man der politischen Schicht Tschechiens, die kürzlich im Parlament einstimmig die Gültigkeit der Vertreibungsdekrete bestätigt hat, besser an, bei offen gehaltener Tür über die Position der Unvereinbarkeit von ethnischen Säuberungen mit existenziellen Werten der europäischen Kultur nachzudenken und sich darüber in einen Dialog mit den intellektuellen, kirchlichen und künstlerischen Kreisen Tschechiens zu begeben. Sie haben im April das Prager Parlament öffentlich aufgerufen, „die nationalistischen Gefühle nicht zu schüren“ und die Vertreibungsdekrete nicht zu bestätigen.

Während sich die Politik bemüht, die sudetendeutsch-tschechischen Beziehungen auf die Stufe des Volkstumskampfes der zwanziger und dreißiger Jahre zurückzuführen, gibt es Hoffnungsvolleres. Der Dichter Jiri Gruša, Botschafter der Tschechischen Republik in Österreich, sagte kürzlich in beschwörendem Tonfall, dass Tschechiens Künstler und Intellektuelle nicht nationalistisch gesonnen seien. Und jeden Tag lassen sich ältere Damen aus Sachsen und Bayern in Teplitz oder Eger die Haare richten. Wenn sie abends zurückfahren, begegnen ihnen tschechische Handwerker, die von deutschen Baustellen kommen. Das sächsisch-böhmische Musikfestival lässt sich nicht aufhalten. Seit Jahren verbürgt es einen gemeinsamen jahrhundertealten kulturellen Raum. Und während die Politiker wüten, beugen sich Übersetzer über deutsche, über tschechische Texte. Und auch die Tschechische Christliche Akademie Prag, die mit der sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde München zu den XIII. Marienbader Gesprächen zwischen Tschechen und Deutschen geladen hat, wird sich nicht aufhalten lassen. Zufällig haben die Gespräche zum Thema Fremdheitserfahrungen am Wochenende der tschechischen Parlamentswahl stattgefunden. Im Kloster Tepl bei Marienbad. Ein stilles Zeichen.

Der Autor wurde 1964 als Kind einer aus Nordböhmen vertriebenen Familie geboren. Im Frühjahr erschien sein Roman „Niemandszeit“ (DVA), der das Thema aufgreift.

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