Kultur : Süchtig nach Abhängigkeit

SUSANNA NIEDER

"Ich weiß, Sie haben Ihre Miete all die Jahre pünktlich bezahlt", sagt der Mann."Aber drei Monate Rückstand - wir sind kein Wohlfahrtsverein.Das müssen Sie verstehen." Wenn die Frau nickt, wippen ihre Locken.Sie versteht.Nachher weiß man, daß mit diesem Gespräch schon alles entschieden ist.Sue wird versuchen, das Geld für die Miete aufzutreiben, und dabei immer wieder über die Trümmer stolpern, in die ihr Leben zerfallen ist.Sue ist das Gegenteil von Jackie Brown.Sie besitzt keine adäquaten Waffen für den Kampf gegen die Großstadt, ihre eleganten, altmodischen Kleider sind ein ungeeigneter Panzer gegen die Kälte.

Der Filmemacher Amos Kollek beobachtet ähnlich scharf wie sein englischer Kollege Mike Leigh.Bis in die kleinste Nebenrolle sind die Schauspieler in "Sue" überzeugend; an den Imbißbudenbesitzer erinnert man sich hinterher genauso lebhaft wie an den rührenden älteren Mann auf der Parkbank.Bei der Hauptdarstellerin Anna Thomson selber fragt man sich geradezu, wie sie es aushalten konnte, mit solcher Akribie eine Frau zu spielen, die vor Einsamkeit verreckt.

Sues Widerstandskraft scheint von inneren Verletzungen gebrochen.Unermüdlich sucht sie Kontakt, in Cafés, im Park, in einer Ausstellung.Manchmal, wenn die Begegnung oberflächlich und freundlich bleibt, hilft das über den Augenblick.Aber meistens handelt sie sich Schmerzen ein, denn Nähe kann sie genauso wenig ertragen wie Alleinsein.Linda (Tracee Ellis Ross) möchte ihr wirklich helfen, Ben (Matthew Powers) ist ernsthaft an ihr interessiert - nichts zu machen.Lieber geht sie mit fremden Männern, hängt sich an die durchgeknallte Lola (Tahnee Welch), bettelt die Dame von der Telefonvermittlung um ein Gespräch an - lieber geht sie vor die Hunde, als daß sie riskiert verlassen zu werden.

Manche von Sues Begegnungen sind so hart, daß sie - und mit ihr der Zuschauer - nach Luft schnappt.Andere dagegen entbehren nicht einer gewissen Komik, einer leisen Zärtlichkeit.Eine zurückhaltende, aber allgegenwärtige Hauptrolle spielt New York.Manchmal scheint die Sonne.Manchmal sind die Leute freundlich: New York kann wunderbar sein, wenn man dafür ausgerüstet ist.Aber Sue hat keinen Menschen auf der Welt.Ihre verzweifelten Anrufe bei der Mutter, die an Alzheimer leidet, wirken wie zum Scheitern verurteilte Versuche, mit sich selbst Kontakt aufzunehmen.

Amos Kollek ist ein kluger Erzähler, er zwingt den Zuschauer zum Beobachten, indem er ihm eindeutige Informationen vorenthält.Klar ist, daß Sue ihre Arbeit verloren hat.Was wir über ihr Vorleben erfahren, hören wir in Bewerbungsgesprächen und aus gelegentlichen Bemerkungen.Sicherlich kam sie mit großen Hoffnungen nach New York.Wahrscheinlich war sie eine wenig begabte Sekretärin, deren Karriere mit der ihres Chefs zuende ging.Wie das alles so schieflaufen konnte, weiß sie selber nicht so recht.Die wirkliche Geschichte von "Sue" wird zwischen den Zeilen erzählt - unaufdringlich, eindringlich.Schwer erträglich, wenn man für dieses Thema anfällig ist.

Babylon (OmU), Cinema Paris, Filmbühne am Steinplatz, FT am Friedrichshain, New Yorck

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