Kultur : Süchtig nach Bildern

Maniacs, Freaks, Filmfreaks: der Dokumentarfilm „Cinemania“

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Es gibt Leute, die lernen Deutsch, nur um Hegel im Original zu lesen. Oder jemand zieht nur wegen einer FassbinderRetrospektive nach New York. Wie bei anderen Lüsten, so liegen auch beim Filmgenuss Welten zwischen Mitläufertum und Leidenschaft. Jack und Bill, Harvey, Eric und Roberta sind solche Cinemaniacs: Sie haben sich dem Kinogucken verschrieben wie andere Leute edlen Whiskeysorten oder der Karriere.

Dass sie in New York leben, neben Paris wohl der Stadt mit dem breitesten Kinoangebot der Welt, macht es ihnen leicht, ihrer Lust lebenszeitfüllend zu frönen. Doch was wie Freizeitvertreib anmuten mag, ist für die Adepten harte Arbeit. Nicht nur läuft immer gerade ein Asian-Pride-Porno-Festival, eine Godard-Retrospektive oder ein rares Stummfilm-Sonderprogramm, es stehen immer gleich mehrere solcher Veranstaltungen gleichzeitig auf dem Programm. Und auch der bestorganisierte Filmfanatiker schafft nicht mehr als sieben Filme am Tag. Also heißt es, informationsmäßig immer hart am Ball zu bleiben und dann blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen: Da sind echte Managerqualitäten gefordert.

Was sind das für Menschen, denen anderer Leute Freizeitvergnügen zum Lebensinhalt wird? Keiner von ihnen denkt erstaunlicherweise daran, mit der Leidenschaft den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die meisten leben von Sozialhilfe, einer hat geerbt. Sonst sind die Methoden und Vorlieben der fünf Protagonisten, die Angela Christlieb und Stephen Kijak in ihrer unprätentiösen Dokumentation vorstellen, im Detail so unterschiedlich, wie sie sich in ihrer Besessenheit gleichen. Harvey, ein Bartträger mit Coach-Potato-Idealfigur, guckt alles, was ihm vor die Brille kommt, dabei kennt er jede Filmlänge von Griffith bis heute auf die Minute genau. Jack hat die Telefonnummern der Filmvorführkabinen im Handy gespeichert, um sofort eingreifen zu können, wenn etwas mit der Projektion nicht stimmt. Und Roberta würde ein Video nicht mal mit Handschuhen anfassen, nicht mal einen Fernseher hat sie zu Hause; die gestandene „Queen of the Cinemaniacs“ bekam für ihre ruppige Art im MOMA sogar Hausverbot.

Frauen sind Solitäre im cinemanischen Universum, visuelle Ersatzbefriedigung offenbar eher Männersache – aber wer redet hier schon von Ersatz? Die Realität derartig den Bildern vorzuziehen, sei reine Ideologie, meint Jack. Ist Film nicht vielmehr die Reduktion des Lebens auf das Wesentliche? Ein Privatleben jenseits von Kinofoyer und gemeinsamem Videogucken hat keiner der Fünf. Nur Bill, Liebhaber kontinentaleuropäischer Nachkriegsfilme mit philosophischem Anspruch, sucht über eine langatmige Internet-Annonce eine Gesinnungsgenosssin, möglichst aus Paris. Jacks Traum wiederum ist eine Liebesnacht mit Rita Hayworth, natürlich in Schwarz-Weiss. Sonst beschränkt sich Körperlichkeit etwa auf Diät-Tips, wie man etwa störenden Toilettenbesuchen durch Ballaststoffmangel vorbeugt: Filmkritikern wärmstens zu empfehlen. S.H.

Central (OmU), fsk (OmU)

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