Kultur : Süchtig nach dem Ring

Intime Doku über einen Boxer: „Comeback“

Knud Kohr

Jeder, der sich fürs Boxen interessiert, glaubt diese Bilder zu kennen: Am Ende eines Trainingslaufs nimmt ein Mann keuchend die letzten Treppenstufen hinauf zum Philadelphia Museum of Arts. Oben angekommen stemmt er die Hände in die Luft und tanzt. Doch das hier ist nicht Sylvester Stallone in „Rocky“. Der Mann auf der Treppe heißt Jürgen Hartenstein, ist 35 Jahre alt und wird am nächsten Tag nach dreijähriger Pause in einer traditionsreichen, aber schäbigen Boxhalle namens „Blue Horizon“ zu einem Vorkampf über sechs Runden antreten.

Hartenstein ist Protagonist in Maximilian Plettaus Debüt „Comeback“, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Kamerapreis für Dokumentarfilme ausgezeichnet wurde. Tatsächlich entstand die Idee, während Plettau an der Filmhochschule München an seinem Kamera-Fachabschluss arbeitete. Er machte mit einer Zeitlupenkamera Aufnahmen von Körpererschütterungen, kam auf das Thema Boxen und lernte Jürgen Hartenstein kennen, der in München als Türsteher arbeitete.

Jahre zuvor war Hartenstein erfolgreicher Profi gewesen. 1998 wurde er deutscher Meister im Supermittelgewicht. Doch die entscheidenden Kämpfe verlor er, und nach einer Niederlagenserie ließen ihn seine Manager fallen. Als Plettau den Boxer kennen lernte, hatte der gerade mit dem Training begonnen. Er wollte wieder in den Ring. Und er erlaubte dem Regisseur, ihm bei seinem Weg zurück ins Geschäft sehr nahe zu kommen.

Plettau, der bei den Dreharbeiten nur seinen Tonmann Tim Hägele dabei hatte, zeigt Hartenstein bei der Trainingsarbeit. Vom Münzfernsprecher aus versucht er, einen amerikanischen Promoter von seinen Qualitäten zu überzeugen. Als kein Zuschauer mehr an ein gutes Ende glaubt, gibt der Promoter nach. Er verpflichtet den Deutschen für einen Vorkampf im Blue Horizon gegen einen Mann, der möglichst schnell nach oben soll und schlagbare Gegner braucht.

Weil „Comeback“ kein Hollywood Märchen ist, passiert das Vorhersehbare: Hartenstein geht in der zweiten Runde zu Boden. Plettau hinterlässt die Zuschauer mit einem zwiespältigen Gefühl: Zum Schluss schaut Hartenstein noch einmal direkt ins Objektiv. Ein geschlagener Mann, der dennoch lächelt. Er ist zurück.

Tatsächlich ist Jürgen Hartenstein kurz nach den Dreharbeiten nach Philadelphia umgezogen. 37 ist er mittlerweile, und noch immer aktiv. Neulich in Kansas hat er zum ersten Mal seit 2002 wieder einen Kampf gewonnen. Knud Kohr

Nur im Babylon

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben