Südafrika und Deutschland : "Die Schwarzen können nicht mal richig hassen"

Was verbindet Deutschlands friedliche Revolution und das Apartheidsende in Südafrika? Eine Tagung im Berliner Haus der Kulturen.

Thomas Wild

Wenn es eine Erkenntnis aus den Debatten um 20 Jahre Mauerfall gibt, so lautet sie: Die deutsch-deutsche Perspektive ist zu eng, im Grunde sogar die europäische. Denn 1989 ereigneten sich auch auf anderen Kontinenten Umbrüche, mit deren Nachwirkungen wir leben. Das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz zum Beispiel, der Tod des iranischen Revolutionsführers Khomeini oder der Abzug der Sowjets aus Afghanistan.

Zu denken gibt auch immer wieder Südafrika. Nicht nur, weil die Bundesrepublik seit dem Ende der Apartheid zum größten Handelspartner des Kap-Landes zählt oder weil man beim föderalistischen Staatsaufbau der neuen Regenbogen-Nation deutsche Verfassungsexperten zu Rate zog. Deutschland und Südafrika strahlen als Fixsterne des freiheitlichen Aufbruchs. Unterdrückungsregime wurden auch in Polen, Russland und Rumänien beendet. Aber nirgends hat der Moment der Freiheit solche Aufbruchsbilder geschaffen wie an der Berliner Mauer oder als Nelson Mandela noch am Tag seiner Freilassung am 11. Februar 1990 vor 120 000 Menschen in Soweto die Losung von der Versöhnung („reconciliation“) ausgab.

Hinzu kommt, dass beide Länder den Weg einer öffentlichen Auseinandersetzung mit ihren Diktaturen gegangen sind. In Deutschland mit der Öffnung der Stasi-Archive, in Südafrika mit der Einrichtung der sogenannten Wahrheits- und Versöhnungskommission. Aber verknüpfen sich alle diese Geschichten zu einer erzählbaren Geschichte? Können Deutsche und Südafrikaner von ihren unterschiedlichen Erfahrungen lernen?

Die Wissenschaftler und Schriftsteller beider Länder, die von Donnerstag bis Samstag im Berliner Haus der Kulturen der Welt über „Dealing with the past, reaching for the future“ diskutierten, formulierten als Konsens: Vorbei ist die Zeit stereotyper Erzählungen von Fortschritt oder kollektiver Kategorien wie Opfer und Täter. Man muss die Geschichte an konkreten Beispielen zum Sprechen bringen. Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow zog dennoch den Feldherrenhügel der Froschperspektive vor, um „vom Vergessen zum Erinnern“, „von der Heroisierung zur Viktimisierung“ oder vom Beschweigen zur „Aufarbeitung als Dauerschmerz“ begriffliche Schneisen zu ziehen. Aufgrund weiterer Vortragsverpflichtungen ritt er alsbald wieder vom Hof – Geschichte als business.

Seinem südafrikanischen Kollegen Neville Alexander, der wie Mandela auf Robben Island inhaftiert war, ging es um mehr. Um so viel, dass er seine eigene Forderung zum Verzicht auf die großen Kollektivkategorien immer wieder aufgab. Hörte man in einem Satz, wie er präzise die Einzigartigkeit der Wahrheitskommission beschrieb, fiel im nächsten das Urteil, die Kommission habe insgesamt versagt, weil sie dem einzig wichtigen Thema im aktuellen Südafrika, dem Unrecht zwischen Arm und Reich, zu keiner Lösung verholfen habe.

Dass politische Umbrüche erzählbar werden, wenn man gerade nicht aufs repräsentative Ganze zielt, ließ Pumla Gobodo-Madikizela, Psychologin an der Universität Kapstadt, spürbar werden. Sie schilderte eine Sitzung der Wahrheitskommission, in der die Mütter ermordeter ANC-Aktivisten auf den schwarzen Informanten der Sicherheitspolizei und Mörder ihrer Söhne trafen. Einige versagten ihm jedes Zeichen der Vergebung. Eine andere Mutter meinte, er sei so alt wie ihr Sohn, und benutzte plötzlich ein Wort der Xhosa-Sprache, das sinngemäß „Ich verzeihe dir, mein Sohn“ bedeutet. Worauf er mit einem gleichlautenden Wort sinngemäß „Ich bitte um Vergebung, Mutter“ sagen konnte. Einen „dance of witnessing“ nannte das Gobodo-Madikizela.

Jene Geste des Händereichens sei von den Weißen in Südafrika unbeantwortet geblieben, beklagte die Dichterin Antjie Krog, die aus einer burischen Familie stammt. Nur 20 Prozent der Anträge auf Amnestie vor der Wahrheitskommission kamen von Weißen, obwohl sie die meisten Verbrechen begangen hatten: „Selbst in meiner Familie sagen Leute: Die Schwarzen können ja nicht mal richig hassen.“ Diese Mentalität habe die Wahrheitskommission scheitern lassen.

Auf die Frage, wie wohl eine vergleichbare Tagung in Südafrika verlaufen wäre, lachten Gobodo-Madikizel und Alexander: Man hätte nicht gebildet über „Formen der Erinnerung“, sondern hart und kontrovers über konkrete Missstände debattiert. Das ist der Unterschied, den keine Geschichte rahmt.

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