Kultur : Südstaatenschwüle

Das Gezerre um Ballettchef William Forsythe hat ein Ende. Doch Frankfurts Politik hinkt der neu belebten Szene hinterher

Ruth Fühner

Doch, es gibt auch gute Nachrichten aus Frankfurt. Zum Beispiel eine düster leuchtende, von inneren Eruptionen geschüttelte „Katja Kabanova“ – als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Haus am Willy-Brandt-Platz im Herbst zu Recht den Titel „Opernhaus des Jahres“ verliehen bekam. Was die nimmermüden Quertreiber in der unruhigen Kulturszene der Stadt – diesmal das Blatt mit den großen Buchstaben – veranlasste, dem erfolgreichen Intendanten Bernd Loebe wachsende Machtgelüste nachzusagen: Er plane, das Schauspiel gleich noch mit zu übernehmen – so lautete die (allerdings schnell entschärfte) Bomben-Meldung, die kurz vor Weihnachten platzte.

Da war die Stimmung ohnehin schon aufgeheizt. Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass die Politiker im Römer den Choreographen William Forsythe endgültig aus der Stadt vergraulen wollten – wegen 516000 Euro, die er sie, verteilt auf fünf Jahre gekostet hätte. So weit war die Posse schon gediehen, dass sich in einem Überraschungscoup ausgerechnet die verachtete Schmuddelschwesterstadt Offenbach erbot, Forsythes weltberühmter Compagnie ein Exil zu bieten. Angesichts dieser drohenden Blamage fand sich, angeführt von Oberbürgermeisterin Petra Roth, fast in letzter Minute doch noch eine politische Mehrheit aus CDU und Grünen, die Forsythe in Frankfurt halten wollte. Wenn sie bis März nicht zerbricht, wird der Ausnahmechoreograph also (der Angebote aus Berlin ungeachtet) bleiben – beziehungsweise künftig in Hellerau bei Dresden und in Frankfurt im Rahmen einer GmbH produzieren, finanziert von den Ländern Hessen und Sachsen. Auch wenn jedermann sich fragt, warum sich jemand von seiner künstlerischen Statur das unerträgliche Gezerre in Frankfurt so lange gefallen lässt.

Petra Roth zieht die Notbremse

Am Kulturdezernenten jedenfalls kann es nicht liegen. Hans Bernhard Nordhoff (SPD) will sich demnächst wiederwählen lassen, obwohl er schon lange an den entscheidenden Stellen entmachtet ist. Immer wieder hat Petra Roth, CDU, die Notbremse gezogen und Kultur zur Chefsache erklärt – der Fall Forsythe war nur das letzte Beispiel. Auf viele Stimmen außerhalb seiner Partei kann Nordhoff so kaum hoffen – und spielt deshalb, statt seines Amtes zu walten und sich vor Forsythe zu stellen, aus Opportunitätsgründen das alte Spielchen „Basis vs. Hochkultur“ mit, mit dem sich die SPD gerade besonders sozial gerieren möchte.

Um eine zweite Runde geht es auch für die Schauspielchefin Elisabeth Schweeger, deren Vertrag im Sommer zur Verlängerung ansteht. Mittlerweile hat selbst die bisher Schweeger-resistente überregionale, in Frankfurt ansässige Kritik der Intendantin wenigstens eine „großstädtische“ Inszenierung attestiert: Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ in der Regie von Burkhard C. Kosminski. Tatsächlich ist das – von den eher läppischen Videoprojektionen abgesehen – ein grandioser Abend. Nicht zuletzt dank eines importierten Stars: Susanne Lothars Blanche wirkt wie eine Märchenprinzessin, die von einem anderen Stern auf die raue Erde gefallen ist und nicht aufhören kann, über das zu staunen, was die anderen „Die Wirklichkeit“ nennen. Alle Südstaatenschwüle ist dieser Inszenierung ausgetrieben, selbst der soziale und moralische Konflikt hat seinen Stachel verloren – und trotzdem funktioniert das Stück: als schauspielerische Abrechnung mit wohlfeilen Lebenslügen.

Die Bürger kehren zurück

Aber diese Aufführung ist bei weitem nicht das einzige Pfund, mit dem Elisabeth Schweeger in den anstehenden Verhandlungen wuchern kann: Stärker dürften die 85 Prozent Platzausnutzung ins Gewicht fallen, die sie erreicht hat. Hatte sie am Anfang ihrer Intendanz zu einseitig das Stadttheater als Experimentierfeld gesehen und das bürgerliche Publikum verschreckt, bedient sie heute mit einer Vielfalt unterschiedlicher Handschriften sowohl die klassischen Abonnenten als auch eine junge und bisher eher theaterfremde Szene, die sie mit philosophischen Salons, Diskussionen aller Art, spätabendlichen Laborversuchen des Ensembles und Balkan-Clubnächten lockt. Von den Hausregisseuren steht Anselm Weber (auf dessen Rechnung übrigens auch die erwähnte „Katja Kabanova“ nebenan im Opernhaus geht – so viel zur angeblichen Konkurrenz zwischen Schauspiel und Oper) eher für einen immanenten Blick auf die Klassiker. Zugleich bastelt der Regisseur Armin Petras als „Kurator“ der Spielstätte Schmidtstraße am Rande der Stadt erfolgreich an einem theatralischen Kultort. Die Vorlage hatte er selbst zu Beginn der Spielzeit geliefert – mit gleich vier Inszenierungen im Sperrfeuertempo, von denen vor allem Sarah Kanes „Zerbombt“ überzeugte – durch einen anti-illusionistischen Zugriff, der dennoch erreichte, dass am Schluss eine mit trüber Brühe gefüllte Plastiktüte genau jene Beschützerinstinkte weckte wie das Baby, für das sie stand. Seine eigenen Stücke allerdings legt Petras – als „Fritz Kater“ zum Dramatiker des Jahres gekürt – in Frankfurt lieber in fremde Hände. „We are camera“ kam hier, direkt nach Petras’ eigener Uraufführung am Thalia-Theater, in der Regie von Peter Kastenmüller heraus – „werktreuer“ als die Hamburger Version und, weit entfernt von deren DDR-Schmuddel, in einer zeitlosen Raumsonde angesiedelt. Eine Inszenierung, der die gesellschaftliche Reibungsfläche eher zu ihrem Nachteil abhanden gekommen scheint.

Mag also auch nicht jeder Abend ein Anlass zum Jubeln sein – das Etikett „großstädtisch“ passt auf die Spielplanpolitik von Elisabeth Schweeger schon lange. Nur leider nicht immer auf die Kulturpolitik der Stadt am Main.

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