Kultur : Sünden auf die Waage legen

Wie 100 Künstler aus aller Welt zum Trafalgar Square pilgerten und schließlich in Berlin ankommen

Franziska Richter

Vier Holzkisten, gefüllt mit Erde, Sand, Torf und Kies, symmetrisch in einem kleinen quadratischen Abseits angeordnet, ein Stapel Zettel, wie auf einem Altar am Kopf des Raumes dargeboten und in einer Nische ein Tonkrug, davor Streichhölzer – eine Versuchsanordnung: In drei Phasen kann sich der Besucher im Umspannwerk auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Ein Bild aus den Materialien kneten, ein Bild malen und es schließlich wieder verbrennen. Nichts ist von Dauer. Warum also Kunst? Oder sieht der Berliner Künstler Franz J. Hugo in seiner Installation „Fleisch und Blut im Austausch mit der Erde und der Zeichnung“ sowohl Gottes schöpferische Hand als auch den natürlichen Kreislauf der Vergänglichkeit?

Das Ende als Anfang: Dieser Ausgangspunkt findet sich auch bei der Irin Jill Rock. Auf einer Waagschale liegt eine weiße Feder: Nur Sünden so leicht wie eine Feder werden verziehen. Doch gibt es einen Trick: Die Sünden auf ein Blatt Papier schreiben, in einen Wassertrog legen und warten – denn die Tinte ist wasserlöslich. Der Selbstbetrug als bester Weg zur inneren Erleuchtung?

Picasso hat einmal über die Kunst bemerkt, sie sei „eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt“. Wie beliebig formbar beide sind, zeigt die Kunst selbst: Ob als großformatige Farbfläche à la Mark Rothko oder in der surrealistischen Traumwelt von Salvadore Dalì. Auch die über 100 internationalen Künstler der „London Biennale Pollinations“ begeben sich in ihren Installationen, Videoarbeiten, Fotografien und Bildern auf die Suche nach der ultimativen Erkenntnis. Unter dem Titel „Changing Channels“ stellen sie nun zum ersten Mal in Berlin aus.

Gläserne Zukunft

Zuvor waren die Werke 2002 in London zu sehen. Um an der seit 2000 stattfindenden Biennale teilnehmen zu können, müssen die Künstler ein Foto von sich und ihrem Werk, aufgenommen am Trafalger Square, an die Organisatoren schicken – übrigens auch alles freischaffende Künstler. Auf Initiative des in Berlin lebenden, australischen Künstlers Adam Nankervis kommt die Londoner Sammlung von 2002 nach Berlin. Unterstützt wurde er dabei vom Direktor der London Biennale David Medalla. Der Ausdruck „Pollinations“ (zu deutsch: Befruchtungen) soll diese kulturelle Annäherung wiedergeben. Das Konzept geht auf: Auch im nächsten Jahr wird – dann zum dritten Mal – die Biennale in London stattfinden.

An allen Ausstellungsorten – Umspannwerk, Backfabrik und Möbelfabrik – hat die Berliner Künstlerin Maria Best weiße Plexiglaskugeln aufgehängt, in denen Spruchbänder aus chinesischen Glückskeksen mit Weissagungen aufwarten: „This is a really lovely day. Congratulations!“ (Es ist ein richtig schöner Tag. Glückwunsch!) Na, wenn’s hilft! Eine regelrechte Offenbarung ist dagegen, was die Polin Anna Krenz in der Backfabrik für ihre Fotoserie „unexpected geometry“ äußerst ästhetisch abgelichtet hat. Das oberhalb der Augenhöhe Befindliche, das der durch Städte Flanierende leicht übersieht: Strom- und Telefonkabel. Im Wust oder sternenförmig über Hausdächern zusammengeführt, spinnennetzartig über eine Kreuzung gespannt oder parallel entlang einer Straße – die Kabel verlieren ihre Funktion und werden Teil der Städtegeografie.

Unter Strom

Die Berliner Malerin Angelika Riemer hat sich ebenfalls der Elektrizität verschrieben – kein Zufall also, dass sie ihre Werke im Umspannwerk ausstellt. An dem einen schmalen Ende der großen Ausstellungshalle hängen die zwei Teile „Farben 4 und 5/2001“ der Malereiinstallation „Brücke 2003“, an dem gegenüberliegenden Ende das Triptychon „Farben 28/2003“. Das Spannungsfeld zwischen ihnen ist in den Bildern selbst zu finden: Während die einen statisch durch ein scheinbar geordnetes, aber dicht verstricktes Netz aus geraden Linien daherkommen, stehen im dreiteiligen Pendant die wenigen unregelmäßigen und weicheren Linien unter Strom, scheinen zu vibrieren.

Facettenreich beschäftigen sich die Werke mit durchaus relevanten Themen, nicht selten finden sich Anspielungen auf aktuelle Konflikte, so in der Videoinstallation „Londoners“ von Teresa Teran aus Venezuela, zu sehen in der Möbelfabrik. Zwischen die Porträts von Londonern, die sich zum Beispiel fragen, wie und wieso es sich in einer Großstadt leben lässt, schaltet sie Schreckensbilder und Nachrichten kriegerischer Auseinandersetzungen. Vielseitig zeigt sich die Biennale – und das liegt nicht nur an der Vielzahl der ausstellenden Künstler. Wie Recht hatte Picasso, als er feststellte: „Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“

Noch bis zum 7.9. in Backfabrik, Umspannwerk Kreuzberg, Möbelfabrik, InterContiArkaden und mehreren Galerien, Informationen unter www.londonbiennale.org

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