Kultur : Sündenfälle

Angelika Kirchschlager mit Matthias Foremny und RSB

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Aufführungspraktisch ist es eine Sünde, Brecht vorzutragen, ohne dass der Text zu verstehen ist. Das gilt für den ganzen Apparat, der sich im Konzerthaus das Ballett „Die sieben Todsünden“ vorgenommen hat. Matthias Foremny fährt groß mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester auf, so dass die Musik von Kurt Weill mit Walzer, Foxtrott, Shimmy, Dixieland und der jazzigen Lust der dreißiger Jahre als Orchesterdrama triumphiert. Die aggressive Gefälligkeit des Songspiels, die verschiedenen rhythmischen Ebenen aber hätten sich ebenso auf die Sänger zu verteilen. In der konzertanten Wiedergabe ist die Rolle des Mädchens mit den zwei Seelen, das in sieben Städten Geld verdienen muss, auf eine Stimme konzentriert: Anna I ist die aktive, Anna II eine sensible Figur. „Meine Schwester ist schön, ich bin praktisch.“ Es geht um die Scheinheiligkeit bürgerlicher Moral: ein trauriges Stück, genial kreiert von Lotte Lenya.

Anna darf nicht sündigen gegen die Gesetze, die reich und glücklich machen, sie darf nicht lieben und nicht stolz sein: Die Familie hofft auf ein kleines Haus in Lousiana. „Singer pur“, ehemalige Regensburger Domspatzen, legt den rabiaten Songstil der verlogenen Familie nach Art von Amateurbelkantisten an. Und die gefeierte Sängerin Angelika Kirchschlager, die sich um das Stück schon öfter bemüht hat, geht hier stimmlich enttäuschend in der populären Musikform unter.

Das Scherzo aus Bartóks Orchesterstücken Opus 12 kommt dem Allegro barbaro und dem „Wunderbaren Mandarin“ nahe. Hier ist Foremny in seinem Element. Das große Largo der Sechsten von Schostakowitsch gehört mit den Streicherchören und dem Englischhorn ganz dem Orchester. Und ein Konzert mit sinfonischen Längen über mehr als zwei Stunden auszudehnen, darf als lässliche Sünde durchgehen. Zumal wenn die Musik anregend galoppiert und ins Presto rauscht. Sybill Mahlke

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