"Süpermänner" im Ballhaus Naunynstraße : Zeige, was du fühlst

Türkische Männer sind alle Paschas? Diesem Vorurteil begegnet Idil Üner mit ihrem dokumentarischen Stück "Süpermänner" - und zeigt Erstaunliches.

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Wenn die Fünf am Ende zu orientalischer Musik tanzen und jeder ein kurzes Solo einflicht, sehen sie heiter und gelöst aus. Zuvor aber geht es ans Eingemachte. Die Schauspielerin und Regisseurin Idil Üner lässt in ihrem neuen Projekt „Süpermänner“ im Ballhaus Naunynstraße die Männer selbst zu Wort kommen. Das Stück – es basiert auf Interviews mit türkischstämmigen Berlinern verschiedener Generationen – will aufräumen mit Klischees über integrationsunwillige Paschas, denen gern die Hand ausrutscht.

Dursun Güzel ist mit 72 der Älteste. Geboren in Sivas, kam er 1968 nach Deutschland. Was er aus seinem Leben berichtet, klingt zunächst nach klassischer Gastarbeiter-Biografie, doch der sanftmütige Güzel hat nicht nur malocht. Er engagiert sich auch in einer türkischen Vätergruppe für gewaltfreie Erziehung. Man fühlt den Schmerz, wenn er erzählt, wie lange er von seinen Kindern getrennt lebte. Die Distanz zu seinen Töchtern hält bis heute an. Der jüngste Spieler ist Tarkan Lohde, geboren 1988 als Sohn deutsch- türkischer Eltern in Berlin.

Die Fünf, die hier jeder für sich aus ihrem Leben erzählen, haben verschiedene Temperamente und unterschiedliche Selbstbilder als Mann. Einer tritt als Plauderer auf, ein anderer legt Bekenntnisse ab. Die theatrale Umsetzung ist schlicht, es geht eher darum, Leben auf die Bühne zu holen. Das biografische Material, das hier kondensiert wurde, ist unterschiedlich aufschlussreich. Idil Üner, die Männerversteherin, hätte an einigen Punkten tiefer bohren können. Männerfantasien, Männerkörper sind hier tabu. Und doch vermag jeder der Männer zu überraschen. Man spürt, was ihnen unter den Nägeln brennt.

Der kurdische Filmemacher Ilkyer Abay spricht englisch, Ausdruck seiner gebrochenen Identität. Mit chaplineskem Charme erteilt er allen nationalistischen Ideen ein Absage: „Auf Volk, Fahne, Blut stolz zu sein, ist absurd.“ Cengiz Korkmaz, der derzeit einsitzt und nach dem Auftritt wieder in die Zelle muss, singt „Love me tender“ für seine Mutter. Und erzählt, wie er durch Bibellektüre geläutert wurde.

Am stärksten ist der Abend, wenn die Männer von den Vätern erzählen. Fast alle haben Gewaltausbrüche der Babas erlebt und berichten ohne Beschönigung. Zeige Deine Gefühle nicht – das wurde ihnen eingeimpft. Hier zeigen sie sich als widersprüchliche, verletzliche, empfindsame Wesen. Süper, Mann!
bis 15. April, 20 Uhr (ausverkauft)

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