Kultur : Süß und süßer

Die Philharmoniker und Sir Simon Rattle in Berlin.

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Ohne Bitternis sollte er sein – leicht ist er geworden, der Abschied der Berliner Philharmoniker von Salzburg. Dazu trägt neben einer zwischen allen Stilen tanzenden „Carmen“ auch ein Konzert bei, das nach seiner Premiere an der Salzach jetzt in der Philharmonie zu hören ist. Betont großstädtisch gemixt, mit Lust an einer verschwenderischen Besetzung und einen Hauch erratisch. Vor allem aber uneinnehmbar, auf eine denkbar zärtliche Weise und gekrönt von einen „Requiem“, das das Paradies als Heimstätte der Minimal Music preist. Mancher Osterfestspielgänger mag Simon Rattle und den Seinen mit kaum merklichem Kopfschütteln hinterhergesehen haben.

Luciano Berios Werke tauchen immer wieder auf in der Philharmoniker-Saison, als Inselgruppen im Programmstrom der Klassik, nicht selten wirken sie unbewohnt. Doch die beiden kurzen, um die Stimme kreisenden Stücke „E vó“ und „O King“ zeigen Berio als einen in der Gegenwartsmusik seltenen Fall von aufrichtiger Vokalliebe. Ein Körpererlebnis, vibrierend zu Beginn beider Konzerthälften vorgetragen von Barbara Kind und Kate Royal – und ein Türöffner in eine Welt, die ihre Todesumfangenheit ohne falsche Sentimentalitäten annimmt. Eine zartere Interpretation von Schumanns „Nachtlied“ als von Rattles Musikern und dem Rundfunkchor Berlin lässt sich schwer denken. Ein Wehen von ungefähr und ebendort hin. Trotz des wunderbar mitspintisierenden und dabei ganz bei Trost befindlichen Murray Perahia gerät das Klavierkonzert zu episodischen Schumann-Szenen, bei denen die Philharmoniker in Satz zwei und drei zu viel Zurückhaltung üben.

Gabriel Faurés „Requiem“ erklingt in einer Neuedition derart elegant über den Niederungen des Lebens schwebend, dass man den Komponisten für seinen schwach ausgeprägten „Dies irae“-Durst nicht verachten mag. Zumal, wenn Rattle die verstärkten philharmonischen Bratschen so singend ins lichte Bild rückt. Kate Royal singt nur drei Zeilen, aber mit emphatischer Variationslust. Christian Gerhahers Bariton erreicht Tiefen, von denen Fauré nichts ahnte. Der Rundfunkchor Berlin schwebt über den Wassern, und Rattle erkundet die Steigerungsmöglichkeiten von „dolce“. Die Paradiesmelodie sollte man als finalen Handyton festlegen, für alle Zeiten. Ulrich Amling

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