Kultur : Süß wie Sahne, klebrig wie Pepsi

H.P.DANIELS (DANIELS)

Eine seltsame Geschichte: früher waren die Manic Street Preachers eine Punkband in Clash-Klamotten.Veröffentlichten neben Indie-Platten auch ein großmäuliges Manifest, das die Zerschlagung der englischen Monarchie und des britischen Oberhauses propagierte.Dann, 1995, verschwand plötzlich der Frontman Richey Edwards aus einem Hotelzimmer.Er ist bis heute nicht mehr aufgetaucht und der Rest der Band berühmt geworden.Stadionstars."Wir sind inzwischen ein Geschäftsunternehmen", sagt Nicky Wire in einem Interview."Manic Street Preachers ist jetzt ein Firmenname wie Pepsi.Wir wollten die wichtigste Rockband des Jahrzehnts werden, und ich glaube, wir haben das auch erreicht."

Entsprechend große Erwartungen eines Publikums im Teenageralter in der ausverkauften Columbiahalle."Die Internationale" als Glockenspiel, Lichter an, da sind sie: Sänger James Dean Bradfield, der seine Vornamen Lügen straft: ein kleiner Pummeliger mit Versicherungsmaklerappeal im olivgrünen Camel-Army-Freizeitlook, mit weißer Les-Paul-Gitarre.Nicky Wire paßt besser zum Namen: ein langer dünner Draht, mit Sonnenbrille und Dusselhut.Der Baß hängt auf Kniehöhe.Dann sind da noch ein Trommler und ein Teppichleger.Für den Sound.Fast durchgehend steht die Musik auf einem Klangteppich der Keyboards.Wie ein Schrank auf Auslegeware.Der Schalldruck ist derart gewaltig, daß die Hosenbeine flattern.Dazu gibt es Naturfilmchen auf der Riesenleinwand hinter der Bühne.Viel Wasser und Sonnenuntergänge.Und Scheinwerfer schwenken und drehen, klappen und kippen.Computergesteuertes Ballett.Die Akteure hingegen eher starr und reglos.

Alles ist perfekt: nette Popmelodien, nette Gitarren, netter Gesang, nette Hits.Gut gespielt.Aber auch ein bißchen belanglos und banal.Etwas süßlich manchmal und klebrig wie Pepsi.Ein hübsch verpacktes Nichts.Nach achtzig Minuten ist es vorbei.Dusselhut wieder auf und weg.Ohne Zugabe.Und die Kinder drängeln nach draußen.Luft.Sie sehen alle etwas geschafft aus.

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