Kultur : Süßer die Brocken nie klingen

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War Anton Bruckner wirklich ein „katholischer Barockmusiker, der zufällig im 19. Jahrhundert lebte“, wie es Joachim Kaiser einst pointiert postulierte? Eine Art verspäteter Johann Balthasar Neumann der Musikgeschichte, der noch Klangkuppeln formte, als allüberall längst die Tragfähigkeit traditioneller sinfonischer Konstruktionsprinzipien angezweifelt wurde?

So, wie Bernard Haitink jetzt mit den Berliner Philharmonikern Bruckners fünfte Sinfonie präsentierte, mochte man fast zum Anhänger dieser Theorie werden: Ausgerechnet die Fünfte, jenes ungeheuerliche Meisterstück des Kontrapunkts, jenes Zwitterwesen aus strengster Regelhaftigkeit und kühnster, Jahrzehnte vorausweisender kompositorischer Freiheit, baute der holländische Dirigent zur postbarocken Prunkbasilika um.

Keine Spur blieb da vom Seelenkampf des Gottesnarren Anton B., von der erschütternden Scharfkantigkeit des Stücks. Stattdessen überall abgerundete Ecken: In heiter-theatralischer Festlichkeit verband sich Gewaltiges mit Innigem, großmächtig auftrumpfende Gestik mit filigranen Details, Pathos mit Sentiment – ganz wie in den süddeutsch-östereichischen Barocktempeln.

Weil aber Bernard Haitink ein geschmackssicherer, vor allem aber ein kluger Interpret ist, geriet diese Metamorphose nicht nur spannend, sondern auch – soweit dies bei einem Werk von 85 Minuten Dauer möglich ist – äußerst kurzweilig. Ließ der extrem weich angegangene Kopfsatz noch die Befürchtung aufkommen, es könnte ein Abend von allzu gefälliger Geschmeidigkeit werden, erhellten sich die Intentionen des Maestro von Minute zu Minute. Je näher das Finale rückte, desto mehr belebte sich das Spiel der Philharmoniker, bis sich das Herzstück der Fünften, die Doppelfuge, schließlich ganz unakademisch lebensprall und mit bühnenwirksamer Wucht entlud. An Bruckners ewige Referenzgröße, an den Allmächtigen, allerding dachte man an diesem Abend kaum – auch dies durchaus eine Parallele zu den Barockbasiliken. Frederik Hanssen

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