Kultur : Süßspeisen

Der Berlin Kunstsalon zu Gast im Schlachthof

Matthias Reichelt

Wie viel Kunst verträgt der Mensch? Diese Frage stellt man sich unweigerlich während des Art Forums. Denn um die Kunstmesse herum haben sich viele Kunstevents und alternative Messen angesiedelt, die dem Publikum Marathonqualitäten abverlangen. Dazu gehört auch der Berliner Kunstsalon mit über 100 Künstlern im ehemaligen Schlachthof Friedrichshain. Gerade die wechselnden Orte sind Reiz dieser Messe.

Edmund Pieper, der den Kunstsalon 2004 ins Leben rief, hat die Organisation nun an Roland Klümpen abgegeben. Er ist jedoch weiter als Berater und als Künstler vertreten. Mehrheitlich sind es Künstler selber, die sich eingemietet haben, um ihre Arbeiten zu zeigen, während sich diesmal nur wenige Galerien beteiligen. Es überwiegen Malerei, Zeichnung und Fotografie. Installationen und Projektionen sind dagegen kaum vertreten. Stefanie Hillich hat in ihren kleinformatigen Arbeiten die Collage überzeugend ins Dreidimensionale überführt. Auch die sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegenden Gemälde und Collagen des italienischen Künstlers Carmine Speranza sind in ihrer farblichen Komposition sehr reizvoll.

Ein paar Kojen weiter finden sich brillant scharfe Fotografien von Andreas Fux, die auf den Boden der nackten Tatsachen zurückholen. Sie zeigen tätowierte Körper und sparen auch den Genitalbereich nicht aus. Ein LCD-Monitor wird als Speise serviert, flankiert von Messer und Gabel. Zu beobachten sind zwei Frauen bei der Fellatio mit einer Gurke. Der Einsatz pornografischer Motive mag zwar lustig sein, ist aber nicht unbedingt neu. Nele Probst beschäftigt sich in ihren postfeministischen Gemälden mit dem Alltag und fragt sich ironisch: „Hat mich das überfordert?“ Unweit finden sich die Fotografien von Udo Einenkel, der berühmte Filmszenen als Desserts moduliert und sie dann abfotografiert. Ephemere Kunst für den Augenblick, luftig, leicht. Bei den Aureolen der Silizium-Kunst von Elke Seidel wird allerdings deutlich die Grenze zum Kitsch überschritten.

Insgesamt wirkt die Ausstellung zusammengewürfelt. Der Mentor des Kunstsalons, Edmund Pieper, präsentiert fotografierte TV-Testbilder und will damit auf die inhaltliche Leere des Kunstbetriebs verweisen. Diese Kritik lässt sich durchaus auch auf Teile der hier gezeigten Kunst anwenden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass allzu eilfertig jede künstlerische Position akzeptiert wurde und es an einer stringenteren Auswahl fehlt. Kaum finden sich politische Positionen zu aktuellen Themen. Eine Ausnahme sind Dimitry Vrubel und Viktoria Timofeeva, die sich mit Thilo Sarrazin in einer Wandarbeit in Streetart-Ästhetik auseinandersetzen.

Eine imposante Arbeit von Martin Werthmann, ein riesiges Schachbrett mit über 8000 Feldern und 3000 Figuren, kann als symptomatisch gelten: Zu viele Spieler machen ein Spiel unmöglich. Matthias Reichelt

7. Berliner Kunstsalon, Zentraler Vieh- und Schlachthof, Landsberger Allee, bis 10.10.; tägl. 14-22 Uhr, So 14-20 Uhr. Tagesticket: 8 €, www.7-berlinerkunstsalon.com

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