Kultur : Suffkopp! Zimtzicke!

Meike Matthes

Das ist voll die Härte, härter als Vollkornbrot mit Sojapaste, stressige Wandertage im Dorfmuseum oder Mathe machen statt Schwimmen gehn: Florians Eltern wollen sich scheiden lassen, denn das, was sie einmal verband, das haben sie "wohl irgendwie verschlampt/ Vergessen, verloren, zerrieben/ Auf immer unterm Alltagsmüll verkramt", und Flo, der Zweitklässler, fühlt sich nun auch wie ausrangiert und weggeworfen, ein nutzloses Bruchstück aus dem zersprungenen Papa-Mama-Kind-Universum.

An diesem Ernstfall will sich das Grips-Theater nicht vorbeimogeln. Also wird es, am Ende aller Scheidungskrisenturbulenzen, keine restaurierte Familienidylle geben, kein die Wirklichkeit übertrumpfendes Wiedervereinigungsglück. Sondern einen Trost, der kleiner ist als der Schmerz über die Elternentzweiung, aber größer als die Furcht vor dem Nichtgeliebtwerden: "Sie hassen nicht uns,/ Sie hassen nur sich", singt der Chor der Ehekriegsopfer. Und wer je über Kinderköpfe hinweg Gehässigkeiten austauschte, hat nun daran zu schlucken, auch wenn die scheidungsgeschädigten Grips-Gören längst wieder jenen Unverwüstlichkeitstrotz zur Schau stellen, der ihnen in den vorangegangenen zwei Theaterstunden zuweilen abhanden kam.

Doch es ist natürlich kein lichtblickloses Jammertal, in dem "Flo & Co.", die Helden der jüngsten Grips-Geschichte, ihre bedrückenden Erfahrungen und aufrichtenden Erkenntnisse sammeln. Thomas Ahrens, der Autor des Stückes "für Menschen ab 8" und Rüdiger Wandel, der Regisseur der gripsgetreuen Uraufführung, haben die von allen trügerischen Hoffungen freigeräumte Realität gehörig komödiantisch aufgemöbelt. Nicht nur, dass beim Einbauküchengezänk zwischen "Suffkopp" und "Zimtzicke", zwischen dem taxifahrenden Papa Hajo (Thomas Ahrens) und der krankengymnastischen Mama Beate (Michaela Hanser) die Grünkernbratlinge fliegen und der Gerstensaft schäumt; nicht nur, dass Flos Freunde Basti (Mathias Schlung) und Lena (Angret Holicki) ein paar wenig ermunternde, aber erheiternde Einsichten in ihre Patchworkfamilienabgründe liefern, um ihrem Kumpel wieder auf die Beine zu helfen.

Als ultimativer Spaßfaktor erweist sich die Schrottplatzleiche namens Rudi Glockemann, die der frisch traumatisierte Florian (Jens Mondalski) sofort als Ansprechpartner und Schutzpatron engagiert. Der grimmig räsonierende Obdachlose ist nämlich auch ein rigoroser Moralist ("Ick meene, Eltern mit kleene Kinder müssen zusamm bleim, zusamm bleim müssen die!"), und an seiner Ehestand-ist-Ehrenstand-These, findet Flo, erkennt man doch gleich den idealen Familientherapeuten. Ist natürlich Quatsch, führt aber zu allerlei lustigen Zusammenstößen zwischen kleinbürgerlicher Engherzigkeit und rauhherziger Pennner-Philosophie. Das Mutmachtheater läuft auf Hochtouren.

Aber weil der Grips-Veteran Dietrich Lehmann sich bemüht, alle platten Plattemacherklischees zu vermeiden und den abgerissenen Gutmenschen Glockemann ganz schroff und bitter spielt, wollen wir ein Auge zudrücken und darüber hinwegsehen, dass das natürlich ein hanebüchenes Sozialkitschmärchen ist: Die weltfremde Allianz der Zuhauselosen, die Leidensgenossenschaft der Scheidungskinder und des Trebegängers lassen wir uns nur deshalb gefallen, weil sie der Wirklichkeit den Weg ebnet. Zuletzt packt Flos Vater seine Sachen und zieht aus. Und Lena erzählt einen Schwank aus ihrer "Scheidungsgruppe", die therapeutische Fabel von der Wasserschildkröte und der Landschildkröte, die sich trennen. Ihr gemeinsames Kind muss fortan pendeln zwischen Meer und Strand. Die Welt steht ihm immer noch offen, auch wenn Flo nicht mehr so genau weiß, wo sein Platz ist. Ein Happy-End ist das nicht. Aber ein wahres Stück Leben: eine Ermutigung zur schönen Anstrengung des Erwachsenwerdens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben