Kultur : Sugar, Cakes, Candy

Annett Gröschner feiert in Berlin einen bewegten „Walpurgistag“

Erhard Schütz

Als müsste jeder Hauptstadtroman einen neuen „Berlin Alexanderplatz“ ergeben. Annett Gröschner weiß, wie man solche Erwartungen unterläuft. War 1929 bei Alfred Döblin der Platz noch für die Stadt eingetreten, so wird er jetzt personifiziert: Alex, ehedem bei Horch & Guck, jetzt Stadtstreicher und immer noch Alleswisser und -könner, unterhält sich und uns. Annett Gröschner ist, wie ihre Reportage- und Interview-Bände oder jüngst die Ausstellung von Fotos der frühen Mauer zeigten, eine versierte Archivarin, hellwache Beobachterin und getreuliche Protokollantin der Stadt. Sie ist obendrein auch eine Kennerin der Stadtliteratur, kennt alle Tricks und scheut sich nicht, sie anzuwenden.

Sie organisiert ihr Material in einem Tageslauf, so wie seinerzeit Walter Ruttmann in dem Film „Sinfonie der Großstadt“ oder jüngst Arte und RBB in „24 h Berlin“. Wie Ernst Schnabel 1947 in dem Hörspiel „Ein Tag wie morgen“ griff sie auf Erlebnisse von Radiohörern an einem einzigen Tag zurück, dem 30. April 2002. Wie Irina Liebmann schildert sie Schicksale von Hausbewohnern. Auch fantastisch wie bei Fritz Rudolf Fries geht es zu. Es gibt die allfälligen Aufzählungskaskaden und muttergewitzten Dialoge, es gibt das wandernde Ding, hier eine orangefarbene Kaffeemaschine aus DDR-Produktion, und eine detektivische Indiziensuche. Choreografisch wird das alles wie in Raymond Carvers „Short cuts“ zusammengeführt. Obendrein gibt es eine Selbstreferenz und -reverenz, nämlich die Fortsetzung ihres elf Jahre zurückliegenden Romans „Moskauer Eis“.

Kann das gut gehen, so viele Muster auf einmal? Es kann – und gut sogar. Das liegt daran, dass Gröschner jenseits der darstellungstechnischen Hochrüstung etwas zu erzählen hat. Es ist immer noch das Berlin um den Kältepol Alexanderplatz, kein Ku’damm, kein Steglitz, nicht einmal der tourismusüberwachte Potsdamer Platz oder das Kreuzberg kamellippiger Deleuzianer wie letztens bei Ulrich Peltzer. Aber wo Döblin seinerzeit im Namen des Kollektivwesens Stadt seinen Franz Biberkopf vom Schicksal gnadenlos niederkämpfen ließ, da wursteln sich jetzt Stadtmenschen durch ihren Alltag. Auch Schicksale gibt es, mehr aber noch Abenteuer, Ereignisse und Begebenheiten, bunt gemischt zwischen Slapstick und Melodram, Kalauer und Raffinesse, Spannung und Belehrung. Das beginnt gegen Mitternacht. In einem Tanz um die Weltzeituhr wird Alex von zwei Polizisten, so roh und tölpelhaft, wie die Hausbesetzerszene sie gerne hätte, malträtiert und Richtung Grunewald expediert.

Das bringt den Plan der illegalen Annja Kobe in Gefahr, noch ehe ihr Bunkerversteck unter der Backfabrik in der Prenzlauer Allee von Bauarbeitern geöffnet wird, sich und ihren Vater, ein anderer Kältepol, der seit „Moskauer Eis“ in einer Gefriertruhe konstant zwischen minus 8 und minus 16 Grad ruht, in ein „Wohnhochhaus in Großtafelkonstruktion“ nach Lichtenberg umzusiedeln.

Währenddessen sitzt Gerda Schweickert auf Umzugskartons und lässt vor dem Gang ins Altersheim am Kollwitzplatz ihr Leben Revue passieren. Viola Karstädt, eine Prekariatsintellektuelle, wie sie im Buche steht, verdient ihren Unterhalt, indem sie bei einer Nordneuköllner Prekariatsfamilie zu einer Schlafperformance antritt, und die Herren Gosch und Trepte fliegen auf die Straße, weil sie ausgerechnet in einer Schwulenbar über die Lust anonymer Heteroficks schwadronieren. So geht es weiter. Folgen Sugar, Cakes und Candy, die eigentlich türkische Mägdelein sind, aber eine taffe Gang sein möchten und aus Goethes „Faust“ zitieren, alte Damen, die Chaoten-Krawall gucken wollen, der kleine Skater Paul mit seiner saufenden Künstlermutter, Heike Trepte, Lehrerin und nicht von ihrem Mann schwanger, Pizzafahrerin Katrin, die eigentlich zu einem blind date will, dazu eine Frau in retrograder Amnesie – und viele andere mehr.

Das alles ist voller kräftiger Details der Stadtbeobachtung wie praller Menschenschilderung, so reich an „arm aber sexy“, dass man nach der Hälfte erschöpft denkt, jetzt könnte der Sack langsam zugebunden werden. Doch dann taucht man auch in die restlichen 200 Seiten ein – und gelangt zur Walpurgisnacht in den Mauerpark, zum fulminanten Ende, an dem Alex tatsächlich seinen Rucksack zumacht. Und dann würde man tatsächlich gerne weiterlesen. Warum passiere, fragt sich eine der Figuren, jahrelang nichts, und dann genüge ein Tag, um alles aus den Fugen geraten zu lassen? Ganz einfach, weil Annett Gröschner das so wollte. Daraus ist ein prächtiger Berlinerinnen- und Berlin-Roman geworden, mindest so haltbar wie der eiskalte Vater darin – nur viel, viel temperamentvoller.

Annett Gröschner: Walpurgistag. Roman, DVA, München 2011. 444 Seiten, 21,99 €.

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