Suhrkamp : Die gelernten Neu-Berliner

Gerrit Bartels geht zur Eröffnung des Suhrkamp-Ladens in Mitte. Von nun an, so der Eindruck, schlägt der Verlag einen ersten wirklichen Pflock in die Stadt.

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Die hundert Tage, nach denen die Arbeit von neuen politischen Amtsträgern gewöhnlich bewertet wird, sind lange um – doch kann man einen Verlag wie Suhrkamp nicht mit Politikern vergleichen. Zudem ist der Umzug des Verlags von Frankfurt nach Berlin Anfang des Jahres etwas anderes als ein Amt, von dem neue, möglicherweise gesellschaftsverändernde Entscheidungen ausgehen. Trotzdem fragt man sich: Hat Suhrkamp in Berlin bislang etwas bewegt? Ist der Verlag überhaupt schon angekommen?

Eher nein, lautet die Antwort – sieht man davon ab, dass es ein paar Lesungen im Suhrkamp-Haus in der Pappelallee gab und die Verlagsleute sich in einem typischen Berliner Provisorium einzurichten beginnen. Die Renovierungsarbeiten an der eigentlich vorgesehenen Suhrkamp-Adresse in der Brüderstraße in Mitte dauern nämlich länger als geplant.

Von heute an aber, so der Eindruck, schlägt der Verlag einen ersten wirklichen Pflock in die Stadt: In Zusammenarbeit mit der Fürst & Iven Autorenbuchhandlung eröffnet er in der Linienstraße in Mitte einen temporären Edition-Suhrkamp-Buchladen. Temporär heißt, dass Suhrkamp dort bis Ende Juli an drei Tagen die Woche Lesungen, Diskussionen, Filmabende und Signierstunden veranstaltet. Ein feines, folgerichtiges Vorhaben. Die Edition-Suhrkamp-Reihe ist ja nicht nur das Diskurslabel bei Suhrkamp, sondern bot immer Platz für eigenwillige Autoren. Für solche, die an der Schnittstelle von Pop und Politik schreiben, deren Bücher sich nicht kategorisieren lassen, deren Arbeit wie einst Berlin-Mitte für Aufbruch, Umbruch, Flexibilität steht.

Mit der Edition Suhrkamp war der Verlag gewissermaßen schon in Berlin, bevor er an Umzug überhaupt dachte. Und wenn die Theorie mitunter grau ist, so dürften allein die Autoren, die am Eröffnungsabend auftreten, ihrem Verlag zeigen, wie die Berliner Praxis aussieht: Bernd Cailloux, bekannt unter anderem als Autor eines Buchs mit dem Titel „Der gelernte Berliner“. Und Detlef Kuhlbrodt, dessen für die „taz“ geschriebene „Berliner Szenen“ Suhrkamp in einem Band mit dem Titel „Morgens leicht, später laut“ veröffentlichte. Beide sind ideale Vertreter der Berliner Ökonomie: Meister des Durchwurstelns, geübt im Umgang mit prekären, temporären Lebensformen. In Zeiten des Übergangs und der Neuorientierung dürfte diese Art von Ökonomie für Suhrkamp die geeignetste sein. Dann kann auch ein Bestseller ruhig noch auf sich warten lassen.

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