Suhrkamp Verlag : Wo der Geist weht

Zurück zur Aufklärung: Das Berliner Nicolaihaus – ein ideales Domizil für den Suhrkamp Verlag.

Hermann Rudolph

Gewinnt Suhrkamp und das intellektuelle Leben in Deutschland mit Berlin eine neue Perspektive? Oder ist es Berlin, das von dem Umzug des Frankfurter Verlags verändert wird? Das sind die großen Fragen, die die spektakulär inszenierte Operation – vielleicht – aufwirft. Aber für die Stadt rückt er die Chance in Sichtweite, ein Problem aufzulösen, und zwar eines, dessen Ausläufer durchaus an ihr Selbstverständnis rühren. Die Rede ist vom dem in Aussicht genommenen Sitz des Verlags, dem Nicolaihaus in der Brüderstraße. In den Nachkriegsjahren wieder hergestellt, hat es ein glückloses Nachwende-Schicksal in die Obhut von Berlins städtebaulicher Resteverwertung namens Liegenschaftsamt geführt. Nun signalisiert der Suhrkamp-Umzug die Möglichkeit, es wieder zu beleben – und der Stadt einen vitalisierenden Impuls zu geben. Das könnte den Vorgang zu einem Glücksfall machen.

„Könnte man das Wort ,historisch’ steigern, müsste dieses Haus als das ,historischste’Berlins gelten“, hat Michael S. Cullen, der Kenner der Berliner Stadtgeschichte, vor zehn Jahren in dieser Zeitung geschrieben. Tatsächlich reichen seine ältesten Teile bis ins 17. Jahrhundert zurück, was in Berlin schon ziemlich viel Vergangenheit ist. Vor allem aber ist es eins der wenigen Häuser, an dem man noch sehen kann, dass Berlin einmal eine Altstadt hatte. Genauso gut, vielleicht besser könnte das Haus aber auch für Berlins gebildetstes Haus gelten. Auf nicht weniger als acht Tafeln sind die Berühmtheiten verzeichnet, die hier wohnten und wirkten.

Vor ein paar Jahren hat ein Buch (Marlies Ebert/ Uwe Hecker, Das Nicolaihaus, Nicolaische Verlagsbuchhandlung) Bewohner und Gäste beschrieben: Es ist eine Musterkarte des intellektuellen Berlins des achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts. Von diesem Haus ausgehend „entfaltet sich … das gesamte Panorama der Kultur Berlins von Friedrich II. bis zu Wilhelm I. aus bürgerlicher Perspektive“. Schreibt Rainer Lepsius, ein großer Name der deutschen Soziologie und Nachfahre der Familie Parthey, die das Haus im 19. Jahrhundert besaß; seit dem vergangenen Dezember ist er Mitglied im Vorstand des Freundeskreises, der die Rettung des Hauses betreibt.

Blickt man genau hin, kann man dem Hause seinen Rang ansehen. Die schlichte Fassade gut proportioniert und diskret ornamentiert, die barocke Treppe im Inneren eine Berühmtheit, dazu Galerien, die einen romantischen Innenhof umschließen: ein barockes Bürgerhaus, ein rarer Fall in Berlin, ein Ort, an dem – wie ein früherer Besucher notiert hat – „noch ein Hauch der alten Zeit zu spüren war“. Nur hat man sich seit Jahr und Tag kein Bild mehr davon machen können. Das Stadtmuseum, dem es Ende der neunziger Jahre zugesprochen wurde, nutzt es nur noch für seine Bibliothek. Es hat sich – was man dem Aschenputtel unter den Berliner Museen nicht verdenken kann – ganz auf die Erweiterung des Märkischen Museums durch das gegenüber gelegene Marinehaus konzentriert (wofür das Haus und das benachbarte Galgenhaus sozusagen in Zahlung gegeben werden sollen).

Aber im Abseits befindet das Nicolai-Haus sich auch durch seine Lage: ein sackgassenhaft öder Winkel der Berliner Mitte, zwischen Leipziger Straße und der Begrenzung des Staatsratsgebäudes, umschlossen von Plattenbauten. Doch dieses an den Rand gedrückte Quartier wird in ein paar Jahren ein wichtiger Teil der neuen Mitte Berlins sein. Die Wiederherstellung des Stadtschlosses und die mit dem Planwerk Innenstadt in Angriff genommene Rekonstruktion der Stadtstruktur wird die Situation des Nicolaihauses von Grund auf verwandeln.

Dann wird das Nicolaihaus als gewichtiger Erinnerungsort Berlins sichtbar werden. Dass Friedrich Nicolai hier lebte, der Aufklärer aus dem Kreis um Moses Mendelssohn und Lessing, dass der Singakademie-Direktor Zelter hier einmal nicht musizierte, sondern mauerte – der Maurermeister, der er von Haus aus war, nahm den Umbau des Hauses vor –, dass Theodor Körner hier logierte und das Haus der Mittelpunkt für ein ausgebreitetes Wurzelwerk von Bekanntschaften und Freundschaften war – es mag eine Fußnote der Kulturgeschichte sein. Aber Kulturgeschichte besteht aus solchen Fußnoten, Zeichen, Symbolgesten. Und diese hier gibt der Berliner Mitte die Tiefendimension und das urbane Kolorit. Mehr noch: Es stellt der durch das Schloss markierten höfischen Kultur die bürgerliche gegenüber.

Das verdeutlicht die Bedeutung des Hauses. Denn weiter gedacht, führt es hin auf die „Berliner Klassik“, die die Wissenschaft seit einiger Zeit unter dem Überlieferungsschutt Berlins freilegt – jene erstaunliche, vielstimmige Gemengelage von Aufklärung und Romantik, von Bürgerlichkeit und Reform, die in den Schleiermachers, Hegels, Schinkels und Humboldts zum Ereignis wurde. Von allen kann man annehmen, dass sie mit diesem Haus in Verbindung standen.

Wie immer die weiteren Verhandlungen ausgehen: Dem Suhrkamp-Umzug ist bereits gelungen, was der Förderkreis anstrebte, nämlich das Nicolaihaus „wieder in das Bewusstsein der Stadt zu rufen“. Denn daraus war es verschwunden. Signalisiert durch seine Abschiebung in den Liegenschaftsfonds, schien das Haus für die Stadt lediglich noch mit seinem Immobilienwert zu existieren. Die Stadt und ihre Verantwortungsträger haben offensichtlich „den Bezug zum Nicolaihaus verloren“, konstatierte eben noch Dieter Beuermann, der langjähriger Leiter des Nicolaiverlags, der den Namen dem literarischen Leben erhielt.

Kurz: Die Stadt, ihre Politiker und Beamten, aber wohl auch ihre Bürger, haben an dem Haus etwas gut zu machen. Das sollten die Behörden im Auge behalten – Liegenschaftsamt und Denkmalschutz –, wenn nun um den Erwerb des Hauses durch Suhrkamp verhandelt wird. Berlin hätte auch noch einen weiteren Grund dafür, den Verkauf nicht nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu betreiben. Die Wiedervereinigung ist – zu ihrem Ruhme – zu einem großen Rettungsakt für bedrohte Baudenkmäler im Osten geworden. Das Nicolai-Haus ist von der DDR durch die vergangenen vierzig Jahre gebracht worden. Es wäre ein Blamage, wenn seine Geschichte als kulturelles Kleinod in einer freien Gesellschaft endete.

0 Kommentare

Neuester Kommentar