Kultur : "Summer of Sam": Deine Disco braucht dich

Ralph Geisenhanslüke

Paragraph 1 der Türpolitik von Discotheken: Ein Laden, vor dem niemand wartet, taugt nichts. Die Schlange gehört seit 30 Jahren zur Soziokultur der Nacht. Am Eingang wird die Hackordnung sichtbar - wer steht auf der Gästeliste, wer ist den Augen des allmächtigen Bouncers schön und hip genug, ? Dabei gibt es kaum etwas Trostloseres als einen leeren Club. Nicht zuletzt deshalb hat die Sängerin Kylie Minogue gerade einen kleinen Hit mit "Deine Disco braucht dich".

Vinny und Dionna brauchen die Disco und die Disco sie. Der Friseur und die Kellnerin leben das Saturday Night Fever. Auf der Tanzfläche scheint die Anziehung zwischen den beiden elektrisch zu sein. Im Alltag aber besteht ihr Sexleben aus etwa anderthalb Minuten Missionarsstellung. Vinny (John Leguizamo) ist getrieben von Schuldgefühlen und bringt es nicht über sich, mit seiner Ehefrau die vermeintlich schmutzigen Dinge zu tun, nach denen ihm der Sinn steht. Für den Zuschauer ist das angesichts der hinreißenden Mira Sorvino, die als seine Gattin auftritt, nur mit einer massiven Hure-und-Heilige-Macke erklärbar. Als Vinnie erst seine Ehe, dann sein Leben verpfuscht, hält sich das Mitleid in Grenzen.

Vinnie und Dionna sind nur zwei Figuren, die im "Summer of Sam" schwitzen, jenem Sommer 1977, als eine lange Hitzewelle in New York alles überkochen lässt, was unter der dünnen Decke der Zivilisation brodelt. Ein Serienkiller mit dem Namen "Son of Sam" geht um und knallt wahllos Frauen und Liebespaare ab. Und dann ist da auch noch der große Blackout, den Tausende als "Weihnachten im Juli" begrüßen. Das Misstrauen kriecht den Leuten unter die Haut. Die Polizei rät den Menschen, zu Hause zu bleiben. Da bleibt die Disco eben leer. Jedenfalls der kleine Laden in der Bronx, wo Vinnie und Donna hingehen.

Mit "Summer of Sam" findet Spike Lee zur vitalen Form von "Do The Right Thing" zurück. Der Regisseur hat in den letzten Jahren häufig die politisch korrekte Verfilmung von Leitartikeln betrieben. Aber eine seiner Stärken ist das Sittenbild der Großstadt. Besonders die Figuren am dunklen Ende der Straße setzt er präzise, tiefenscharf. Und: Er zeigt, wie in diesem Klima der Hass auf die anderen entsteht, weil sie die anderen sind.

Zweieinhalb Stunden, randvoll mit Geschichten, Details und prallem Leben. So prall, dass Lee für seine jüngeren Zuschauer eine Boogie Night um ein paar Minuten schnitt, die gut in die Zeit vor Aids gepasst hätten. Der Soundtrack schließlich schreibt Soul und D.I.S.C.O groß. Schließlich spielte Spike Lees Vater in der Band von Aretha Franklin.

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