Kultur : Summertime-Gala

SYBILL MAHLKE

Ein Vorprogramm soll die Gemüter einstimmen, bevor die Königin der Nacht oder - mit einer anderen Oper zu sprechen - des Festes Fürstin ihren Auftritt hat: Jessye Norman.Amerikanische Tanz- und Unterhaltungsmusik der 20er bis 40er Jahre beschallt das große Foyer der Philharmonie, wo André Frank & His Orchestra mit den Feinheiten originaler Arrangements gegen ein beständiges Geräuschfeld aus vielen Gesprächen vieler Menschen und eine miserable Akustik anmusizieren.Ansagen bleiben unverstanden und der Gesang von Joe Bourne und Mariko im vagen Niemandsland, während die instrumentalen Evergreens sich immerhin durchsetzen, weil das Ensemble Rhythmus hat.Das Sektglas in der Hand kann ein festliches Publikum mit dankbaren Gefühlen ein Environment aus braunen CARE-Paketen und Lebensmitteln wie Milch- und Eipulver besichtigen, alles, was die "Rosinenbomber" damals gebracht haben, denn es geht auch hier um das in diesem Sommer zentrale Thema "50 Jahre Luftbrücke Berlin".

Das Deutsche Symphonie-Orchester, dem dann im Saal die "George Gershwin Gala" mit Jessye Norman anvertraut ist, verdankt den USA sein Leben.Zur Zeit der Berlinblockade trägt es mit allen finanziellen Konsequenzen den Namen RIAS-Symphonie-Orchester und trifft Ferenc Fricsay, seinen legendären ersten Chefdirigenten.

Hier und heute erscheint Andrey Boreyko zum zweitenmal innerhalb weniger Wochen am Pult des Orchesters, ein Dirigent aus Leningrad / Petersburg, dessen stockender Karrierebeginn in Pozsna¿n und darauffolgend rapider Aufstieg für die politischen Verhältnisse nach dem Zerfall des Ostblocks stehen.Der Geiger André Frank, Leiter des Vorprogramms, verwandelt sich zurück in Andreas Schumann, ohne Künstlernamen nicht weniger Künstler, da er nun als Vorspieler der zweiten Violinen wiederkehrt.

Die Musiker legen sich mächtig und engagiert ins Zeug, um mit relativ breitem Klang der "Rhapsody in Blue", für sie ungewohntes Terrain, den Weg zu bereiten.Mit dem Klarinettenheuler am Beginn und seinem Part im folgenden erzielt Jorg Fadle Sonderapplaus, während der Klaviersolist Jon Kimura Parker zwischen Oktavendonner und Zartheit vermittelt.Auch "An American in Paris" bringt dem Orchester und Andrey Boreyko tosenden Applaus ein, und es dürfte spannend werden, den Virtuosen des Taktstocks, der sich in dieser Musik austobt, demnächst einmal mit großem klassisch-romantischem Repertoire zu erleben.Denn in diese Richtung geht nicht zuletzt seine Sehnsucht.

Keine Frage, daß Jessye Norman den amerikanischen Ton trifft.Sie besitzt ihn wie den deutschen im Altgold der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss zu anderer Zeit.Wunder musikalischen Reichtums.In Gershwin-Songs klingt die Stimme unbeschädigt und groß in ihrer säkularen Kostbarkeit.Die Spiritual-"Cantata" von John Carter provoziert in dem Lied "Peter go ring dem bells", wo das Stilprinzip der Wiederholung überreizt wird, den Höhenmut der Sängerin: Ausdruck vor Schönklang.Sie träumt als Kind sich zurück in "Sometimes I feel like a motherless child" bei ausgespartem Vibrato.Sie ist imstande, das Publikum zum Taktklatschen zu animieren und subito wieder damit aufhören zu lassen.

Das Gesamtkunstwerk Jessye Norman schließt die Gebärde ein, besonders bei Gershwin.Nach "Summertime" und "The Man I Love" singt sie als Zugabe noch einmal "Our Love is Here to Stay", und die Sprache der Hände, zweitschönstes Instrument der Performance, trägt dazu bei, aus der Wiederholung eine Variation zu machen.Neben den 100.Geburtstagen Brechts und Eislers steht 1998 noch der von George Gershwin an, und mit dessen letztem Song beendet Jessye Norman den amerikanischen Abend.

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