Sun Koh : Das hypnotisierte Unterseeboot

Atlantis revisited. Der kleine Züricher SSI-Verlag beginnt mit der Neuausgabe des Heftchenromanklassikers Sun Koh.

Von Andy Hahnemann



Ein Mann fällt vom Himmel. Über London, und zwar mit einem Fallschirm und im Schlafanzug. Weder kennt er seine Vergangenheit, noch weiß er zu diesem Zeitpunkt, dass er der "Erbe von Atlantis" ist und dazu berufen sein wird, einen neuen Erdteil in Besitz zu nehmen. So begann eine der beliebtesten Romanserien im deutschen Sprachraum, in der Sun Koh, Protagonist und Namenspatron der Serie, in 150 Heften und ebenso vielen Abenteuern drei Jahre lang über die Erde raste und bei unzähligen jugendlichen Lesern der dreißiger Jahre als der eigentliche Held ihrer Kindheit im Gedächtnis blieb. Nicht weniger klangvoll als Sun Koh war der Name des Autors: Lok Myler, freilich ein Pseudonym, hinter dem sich der Schriftsteller Paul Alfred Müller verbarg. Von den über zweihundert Romanen, die Müller bis 1970 unter diversen Pseudonymen (u.a. Freder van Holk, Paul Stockett) verfasste, hat es vor allem der Sun Koh-Zyklus zum Status eines Klassikers gebracht, der bis in die achtziger Jahre, mit schwindendem Erfolg, immer wieder neu aufgelegt wurde. Als eine der einflussreichsten utopisch-phantastischen Abenteuerserien lieferte Sun Koh nicht nur ein Vorbild für den später ungleich erfolgreicheren Commander "Perry Rhodan", der nicht umsonst der "Erbe des Universums" genannt wird, sondern hat wohl auch die steilen Thesen des Sachbuchautors Erich von Däniken beeinflusst.

Globalisierte Superhelden

Was von der Sun-Koh-Serie zu halten ist, darüber kann freilich gestritten werden; bislang jedoch nur auf unzureichender Grundlage. Denn Heftchenromane älteren Jahrgangs tendieren dazu, im Papiermüll oder in den Schränken von eingefleischten Sammlern zu verschwinden und die Tatsache, dass die Erstausgaben sich im Falle von Sun Koh von Nachauflagen, Leihbuch- oder gar Nachkriegsausgaben beträchtlich unterscheiden, machte es den spät geborenen Lesern bislang nicht leicht. Umso erfreulicher ist das ambitionierte Unternehmen des kleinen Züricher SSI-Verlags, eine Werkausgabe auf den Weg zu bringen. Eng verzahnt mit der im gleichen Verlag erschienenen materialreichen Studie von Heinz J. Galle wird so nicht nur erstmals die mehr als abenteuerliche Editionsgeschichte dokumentiert, sondern für Science-Fiction-Fans und Wissenschaft gleichermaßen die Grundlage für jede weitere Auseinandersetzung mit einem außerordentlich interessanten populärkulturellen Phänomen gelegt.

Und dass die Beschäftigung mit Sun Koh auch und gerade aus heutiger Perspektive interessant sein kann, steht außer Frage. Immerhin hat man es bei Sun Koh mit einem hervorragenden Vertreter jener ersten Generation von globalisierten Superhelden zu tun, die per Flugzeug um die Erde jettet, vor allem aber en masse die Eisenbahnbuchhandlungen der dreißiger Jahre bevölkerte. Wöchentlich versorgten diese kleinen Heftchen die in der Regel männlich-jugendlichen Leser mit abenteuerlichen Geschichten, die mal am Südpol, mal in Mexiko oder Tibet spielten. Die Welt der Heftchenromane glich dabei nicht selten einem riesigen Abenteuerspielplatz, in dem dunkle Höhlen voller Schätze und Gefahren der Erforschung harrten, im Wochentakt neue Erfindungen gemacht wurden und der Erzbösewicht ständig danach trachtete, die Geliebte des Helden zu entführen.

Zu einer Zeit als das Reisen zwar theoretisch möglich, aber ausgesprochen schwierig zu bewerkstelligen war, hatten diese Geschichten bei aller Phantastik und Klischee gesättigten Darstellung aber auch eine durchaus ernst zu nehmende Funktion, indem sie, ähnlich wie Reiseberichte oder Sachbücher, ein Orientierungswissen von fremden Kulturen und Geographien vermittelten. Im Falle von Sun Koh findet sich im 1932 aufgesetzten Vertrag zwischen Autor und Verlag sogar der explizite Hinweis auf eine in jedem Heft erwünschte "kurze Belehrung aus dem Gebiet der Technik, der Völkerkunde usw." Heftchenromanreihen wie Sun Koh, aber auch die zahlreichen Geschichten um andere Serienhelden wie "Rolf Torring", "Phil Morgan" oder "Jörn Farrow", stellten einen nicht zu unterschätzenden Zugang zur Welt dar, sie waren im weitesten Sinn und für zahlreiche Menschen bedeutende "Weltbildproduzenten".

"Der Neger muss weg!"

Umso drängender stellt sich freilich die Frage nach der politischen Kontextualisierung dieser phantastischen Wissens- und Abenteuerwelten. Sun Koh wurde von einer ideologiekritischen Literaturwissenschaft schon des öfteren als arischer Technik-Heros übelster Sorte entlarvt, der die Zwischenkriegsjugend, deren typischer Weg durch die dreißiger Jahre - über die Hitlerjugend in die Wehrmacht - nicht selten mit Heftchenromanen gepflastert war, mit rassistischen und nazistischen Weltbildern versorgte. Freilich können sich die Herausgeber dieser Lesart nicht anschließen und verweisen auf den ursprünglich kosmopolitischen Charakter der Serie, der sich erst unter dem Einfluss der Zensurmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes, schlimmstenfalls in der Form des vorauseilenden Gehorsams langsam den völkisch-chauvinistischen Ideologemen der Nazis angenähert habe.

Die Eingriffe der seit 1935 praktizierten Vorzensur waren, folgt man den Ausführungen von Heinz J. Galle und dem Apparat der Werkausgabe, in der Tat einschneidend. Das beginnt bei den Titelbildern, die in den späteren Ausgaben auf explizite Gewaltdarstellungen verzichten, geht über die Tilgung dialektaler Rede bis zur von den Zensurstellen angeordneten Änderung von Handlungsverläufen. Im späteren Verlauf der Serie verlagern sich die Schauplätze zunehmend nach Deutschland und wird der zu Beginn staatenlose Sun Koh in einen Vorzeigearier germanischer Großraumpolitik verwandelt, der Atlantis vor allem für die weiße Rasse' in Beschlag nehmen möchte. Recht typisch ist aber auch im Falle von Sun Koh die Widersprüchlichkeit nationalsozialistischer Literaturpolitik: Während der eine weltanschaulich geschulte Gutachter an Sun Kohs schwarzem Diener Nimba nicht das Geringste auszusetzen hatte, nahm die Manuskriptberatungsstelle der Arbeitsgemeinschaft der Verleger für Volksliteratur' seine Existenz in der Serie zum Anlass einer grundsätzlichen Beanstandung'.

Die Grenze zwischen Zwang und lustvoller Integration der als erwünscht vermuteten Ideologiebrocken ist freilich immer eine fließende. Und es brauchte im Prinzip keine Zensurmaßnahmen, damit sich der übersteigerte Rassenwahn der Zeit, die nationalen Stereotypen und spät- oder postkolonialen Wunschphantasien artikulierten, die in der politischen Unterhaltungsliteratur der Zwischenkriegszeit von Hans Dominik bis hin zu Vollblut-Nazis wie Stanislaus Bialkowski omnipräsent waren. Angst davor, dass die Neuausgabe von Sun Koh in die Nähe des einschlägigen Schrifttums der Zeit, sagen wir auf die Büchertische der sächsischen NPD-Kameradschaft, gerät, muss man wohl trotzdem nicht haben. Die Stellen, an denen explizit rassistisch argumentiert wird sind relativ selten, beginnen in den höheren Heftnummernbereichen der Serie und werden heutzutage wohl eher als skurriles Zeitkolorit gelesen denn als Anstiftung zum "nationalen Widerstand".

In die Tiefen des Raums

Aus heutiger Sicht skurril liest sich in Müllers Büchern so manches. Das fängt mit den zahlreichen Erfindungen an, etwa wunderbaren Lichtbildprojektionsmechanismen und hypnotisierten' U-Booten, und reicht bis zur Propagierung alternativer Weltbilder, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus diversen esoterischen Ideenströmungen zusammenamalgamiert hatten. Paul Alfred Müller, der zeitlebens eine Partisanenwissenschaft betrieb, die sich gegen die herrschenden Großtheorien von Kopernikus, Darwin oder Einstein auflehnte, glaubte offenbar wirklich an die als "Hohlwelttheorie" bekannte Idee, nach der sich der uns bekannte Weltraum im Erdinneren befindet, und wurde durch den erfolgreichen Start der Sputnik-Satelliten in eine ernsthafte Erkenntniskrise gestürzt.

Das erklärt nicht zuletzt seine, mit zahlreichen anderen deutschen Science-Fiction-Autoren geteilte Abneigung gegen Geschichten, die sich im Weltall ansiedelten; es blieb seinen literarischen Erben und der neuen, primär amerikanischen SF überlassen, die Tiefen des Raums zu erkunden. Es verwundert nicht, dass die Sun-Koh-Reihe, aber auch viele seiner anderen Romanprojekte, in der Nachkriegszeit nur noch begrenzte Erfolge feiern konnte. Schon damals, so schien es wahrscheinlich manchem, war Müller ein wenig aus der Zeit gefallen. Dass Sun Koh heute in den Genuss einer historisch-kritischen Gesamtausgabe kommt, hätte Paul Alfred Müller, der sich so manches vorstellen konnte, wohl in seinen kühnsten Träumen nicht geahnt. Und sollte es den Herausgebern tatsächlich gelingen, die geplanten 31 Bände in der bisherigen Qualität und prachtvollen Ausstattung zu realisieren, so hätten sie wohl ein kleines editionstechnisches Wunder vollbracht, das den Leistungen ihres Helden in nichts nachsteht.

- Heinz J. Galle, Markus R. Bauer: Sun Koh, der Erbe von Atlantis und andere deutsche Supermänner. Paul Alfred Müller, alias Lok Myler, alias Freder van Holk - Leben und Werk, Zürich, SSI 2003, 416 S., 24,80.

- Markus R. Bauer, Rolf A. Schmidt (Hg.): Sun Koh, der Erbe von Atlantis - Gesamtausgabe. Bd 1. Ein Mann fällt vom Himmel, Zürich, SSI 2006, 496 S., 24,80.

Internet: Sun Koh im SSI Verlag
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