Kultur : "Super 8 Stories": Das Leben im Zweivierteltakt

Ralph Geisenhanslüke

Musiker auf Tournee sind dufte Typen. Sind ehrlich und sensibel, haben tiefe Meinungen und machen auch mal spontane Scherze. Bei Megastars mag es schön sein, die Helden mal in Unterhosen zu sehen. Bei unbekannteren Bands wissen die Zuschauer meist weniger, warum ihnen Tontechniker, Fahrer, Haustiere vorgestellt werden. Auch beim No Smoking Orchestra werden sich viele fühlen wie auf einem Kindergeburtstag, zu dem sie nicht eingeladen wurden.

Die Band verdankt ihre umfangreiche Dokumentation der Tatsache, dass eines ihrer Mitglieder ein bekannter Regisseur ist: Emir Kusturica spielt Gitarre, sein Sohn Stribor Schlagzeug. Die Band hat Filmmusik - unter anderem für "Schwarze Katze, weißer Kater" - eingespielt und war zuletzt viel auf Reisen. Das lustige Dutzend betätigt sich grobmotorisch, rangelt in Garderoben und gibt im Tournee-Bus ironische Statements zu seiner ex-jugoslawischen Herkunft.

"Unza Unza!" nennen sie ihre Musik, ein Begriff, der den schnellen 2/4-Takt ihrer Balkan-Pogo-Polka wiedergibt, etwa so wie man früher "Uffzick Uffzick" sagte, wenn man schnellen Punk meinte. Auf der Bühne hat diese Musik ihren Unterhaltungswert, auf der Leinwand wird daraus hektisches Geschnipsel. Kusturicas Band schlägt Sympathie entgegen, weil sie Lebenszeichen aus den Trümmern des Balkans gibt. Doch warum verbergen sie, dass darin Serben und bosnische Moslems zusammen spielen?

Wim Wenders "Buena Vista Social Club" wurde deshalb ein Erfolg, weil die alten Männer Geschichten zu erzählen hatten. Diesen Schatz konnte oder wollte Kusturica offenbar nicht heben. Über einige wie den Bassisten, der früher Uhrmacher war, oder Ceda, den bescheidenen Percussionisten, der viel besser Schlagzeug spielt als Kusturicas Sohn, würde man gern mehr wissen. Der Film zeigt lieber Kinder - und die kindliche Musikalität der Erwachsenen. Die alten Aufnahmen mögen für die Familie Kusturica viel bedeuten. Zusammen mit den auf Grobkorn und Super 8 getrimmten Bildern der Gegenwart sind sie wohl weniger ein Fall fürs Kino als für das Programm von Arte, das den Film auch mit produziert hat.



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