Kultur : Superhelden

Barenboims Bruckner in der Philharmonie

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Am 18. August wird Daniel Barenboim sein 60-jähriges Bühnenjubiläum feiern, in Buenos Aires, wo er als siebenjähriger Knabe erstmalig sein Publikum begeisterte. Bis dahin hat der Pianist und Dirigent noch 19 Auftritte vor sich, in Madrid und Granada, beim Klavier-Festival Ruhr und im dänischen Randers, bei den Salzburger Festspielen, in Santo Domingo, Caracas, Bogota und Quito.

Seit Sonntag bestreitet der Maestro aber erst einmal einen Bruckner-Beethoven-Zyklus mit seiner Staatskapelle, sechs Konzerte in der Philharmonie binnen acht Tagen. Viele Dirigenten halten Anton Bruckners Sinfonien für so monumental, dass sie diese als alleinige, abendfüllende Stücke ansetzen. Nicht so Barenboim: Als wäre es nichts, spielt er im ersten Teil noch jeweils eines der Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens, lediglich für den heutigen Dienstag hat er sich Frank Peter Zimmermann als Solisten für das Beethoven’sche Violinkonzert eingeladen. Eine schier übermenschliche Leistung, die das Publikum beim Eröffnungsabend am Sonntag bereits zur Pause mit stehenden Ovationen feiert.

Nachdem sich Barenboim bei Beethovens C-Dur-Klavierkonzert viel mehr für die Details der Orchesterbegleitung interessiert hat als für sein eigenes Spiel, verteidigt er in Bruckners Vierter, der „romantischen“ Sinfonie, seinen inoffiziellen Ehrentitel als musikalischster lebender Erdenbewohner, indem er unablässig Energie ins Orchester pumpt. Kräfte, die sich in Klangexplosionen von beachtlicher Phonstärke entladen. Anders als beim gleißenden Fortissimo Simon Rattles wohnt den Entladungen des vollen Orchesters bei Barenboim immer etwas furchteinflößend Aggressives inne.

Sein Bruckner ist sehr theatralisch gedacht und gemacht, geradezu eine Oper ohne Worte. Da wird der Wagner-Verehrer Anton Bruckner zum Superhelden, ein Siegfried des Sinfonischen, robuste Hornrufe inklusive: die Welt als Wille zur Vorstellung. Der im Musiktheaterbetrieb gestählten Staatskapelle kommt diese Deutung entgegen. Wild entschlossen stürzen sich die Streicher ins Getümmel, lassen ihren warmen, unnachahmlich körperlichen Klang blühen, schärfen ihn aber auch zu bis ins Ätzende, wenn es gilt, dem massiven Blech Paroli zu bieten. Überwältigungsmusik, gemacht für den Augenblick, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Frederik Hanssen

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