Kultur : Superhirn

Mathias Klappenbach

Noel hat ein Problem: Sein Kopf ist voll mit unwichtigen Dingen, außergewöhnlich vielen unwichtigen Dingen. Er kann schon sein Leben lang nichts vergessen, nicht das kleinste Detail. Der junge Mann ist Synästhetiker, er nimmt die Welt und die Sprache als Farben und Formen wahr und speichert zwanghaft auch all das ab, was er auf keinen Fall behalten will, egal ob chemische Formeln oder die Klangfarbe einer Stimme. Eine Horrorvorstellung. Genauso wie jenes Schicksal, das Noels geliebte Mutter ereilt: Sie erkrankt an Alzheimer.

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Nun versucht Noel in seinem Kellerlabor ein Gegenmittel zu finden. Hilfe bekommt er von einem zynischen Freund, der seine große Liebe verloren hat und deshalb die Vergangenheit verdrängt. Und von einer Frau, die ihre alte Identität abgelegt hat und in die sich der sozial inkompetente Noel verliebt. Außerdem steht ein anarchistischer Freigeist zur Seite.

Der Kanadier Jeffrey Moore widmet den Beziehungen zwischen seinen sehr unterschiedlichen Protagonisten eigene Kapitel, dazwischen eröffnen deren Tagebücher noch eine zweite Sicht auf die Ereignisse. So entsteht ein Geflecht mit interessanten Charakteren, an deren Ende eine aus der neurobiologischen Forschung und der alchimistischen Heilkunde entwickelte Entdeckung steht. Ein Buch, das Wissenschaftsparodie und tragikomische Abhandlung über Fluch und Segen des Erinnerns ist. Bitte merken.

Jeffrey Moore: Die Gedächtniskünstler. Roman. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 385 Seiten, 22,90 €.

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