Kultur : Superkitschschinken

PETER HERBSTREUTH

Kunstkritik mit den Mitteln der Kunst: Sigmar Polke in Berlins Hamburger BahnhofVON PETER HERBSTREUTHSigmar Polke nahm die Sache ernst.Einen Tag vor der Eröffnung wollte er nach getaner Arbeit allein sein mit sich und der Ausstellung und sehen, ob alles stimmt.Denn wenn für ihn alles stimmt, ist es fast egal, was die Leute sagen.Sein Ideal sind nicht in sich ruhende Harmonien, sondern zündende Unvereinbarkeiten.Wenn alles makellos erscheint, ist etwas falsch.Das hat er nicht der Kunst, sondern dem Leben abgeschaut.Also suchte er sich früh Aufgaben, bei denen er seinem Können ein Schnippchen schlagen konnte.Sein größter Gegner blieb er selbst. Das muß vorausgeschickt werden, da es für Künstler noch andere Parameter als das Preisschild gibt.Sigmar Polke wird nach seinem Aufstieg in USA Mitte der achziger Jahre und seiner vorletzten großen Retrospektive 1988 im Bonner Kunstmuseum, in Superlativen gefeiert."Superkitschschinken" war eines der schönsten und meinte einen Teil seiner neueren, aus chemischen Prozessen entstandenen Malerei, die jetzt im Hamburger Bahnhof in einem von 18 Räumen gezeigt werden. Im ersten Raum des Rückblicks von 1962 bis 1997 mit etwa 150 Werken tritt man sofort in die Gegenwart und vergißt zunächst Malerei."Polizeischwein" von 1986, "Noch keine Regierung hat das Volk derart hinters Licht geführt" von 1996 und "Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost" von 1992 machen deutlich, daß Malerei ein Medium ist, das Einstellungen hervorbringt.Polke ist aus dem Schneider.Gesagt haben das andere; er zitiert es.Gleichwohl wird man in einem Raum wie diesem dem Bundeskanzler kein Ständchen singen.Hier ist Volkes Stimme Widerstand, könnte man meinen.Aber bei näherer Betrachtung, sagen die Schrift-Bilder nicht mehr als man ihnen selbst an Bedeutung zugesteht.Denn ihr erstes und letztes Argument ist Malerei. So war es von Anfang an.Er begründete 1963 mit Gerhard Richter die Kunst des "Kapitalistischen Realismus" als Gegenposition zur amerikanischen Pop Art und zum französischen "Nouveau Realisme".Sie setzte Distanz zur Realität voraus und äußerte sich in einer lakonischen Darstellung der Warenwelt.Polke und Richter ließen die Konsumwelt nicht in bunten Farben in die Galerien einziehen (wie die Pop-Art), ihre Arbeit sollte auch nicht gegen die soziale Wirklichkeit appellieren (wie der Nouveau Realisme).Polke und Richter demonstrierten ein kritisches Verhältnis zu massenhaft käuflichen Dingen und hielten Abstand.Im Nachkriegs-Deutschland, in dem abstrakte, informelle Malerei als Zeichen für Avanciertheit galt, war die Hinwendung zur gegenständlichen Welt ein Affront.Die Avantgarde war abstrakt oder überhaupt nicht.Polke und Richter entwickelten ein neues Bildkonzept für die Malerei im Umkreis von Joseph Beuys, der Studenten sagte, der Fehler begänne, wenn jemand Pinsel, Farbe und Leinwand kaufen würde.Polke folgte diesem Fehler. Er begann Kunstkritik mit den Mitteln der Kunst.1969 malte er ein diagonal geteiltes Bild, das an die Russischen Avantgarden und amerikanischen Abstrakten erinnerte und schrieb in das Bild die Zeile "Höhere Wesen befahlen, die obere Ecke schwarz zu malen".Die Legende wirkte ebenso humorvoll wie ernüchtend.Polke schien das "Unbegründbare" abstrakter Malerei zu bestreiten und gab sich im selben Handstreich die Lizenz eben das auch in Anspruch zu nehmen - aber mit Humor. Schon 1963, im Jahr der Ermordung J.F.Kennedys, als das Foto von dessen Attentäter um die Welt ging, malte er diesen in den vergrößerten Rastern der Zeitungen Punkt für Punkt.Malerei reagierte direkt und mit visuellen Mitteln auf eine von technischen Bildmedien dominierte Welt. Polkes Forderung "Sehen wie die Dinge sind", das in der "Grand Galerie" leider wie in einer Warteschlange hängt, ist deshalb kein leichtes Unterfangen.Jedoch trifft die Auffassung des Kunstkritikers Benjamin Buchloh zu, Polke würde das Recht der Malerei, sich selbst zu feiern, bestreiten.Er arbeite an der Idee des "Großen Trivialen".Damit waren Polke Motive aus dem Fundus des Alltags gemeint: Deko-Stoffe, Cartoons, Haushaltswaren, Werbebroschüren. Polke akzeptiert keine Hierarchien, blendete Elemente der Hoch- und Massenkultur ineinander, favorisiert die Vermischung der Stile und hält sich alle Wege offen.Sein Werk hat die Basis in einem grundlegenden Provisorium, das auf ein großes Ziel hinausläuft: ein wahrer Volksmaler zu werden, der "Die drei Lügen der Malerei", so der Titel der Retrospektive, reflektiert erzählen muß, um wahrhaft verstanden zu werden. Er versucht alle Quellen des Bewußten und des Unbewußten für die künstlerische Arbeit zu aktivieren.Seine Arbeiten aus den siebziger Jahren gelten als unruhige Wanderjahre.Er experimentiert mit fototechnischen Entwicklungen.Fotoserien von Indianern und Orientalen, von Mohnblumen und von Pilzen bleiben als Bild im Werk.Dabei interessieren ihn beim Entwickeln die chemischen Reaktionen selbst, Fehler und Abweichungen; denen geht er nach.Daraus ergibt sich ein neuer Impuls für die Malerei.Er experimentiert mit Nitraten, Oxyden, Tinkturen, gießt das Gebräu aus Materialien dickflüssig auf die Leinwände und wartet Monate bis sie trocknen. Harald Szeemann faßt das Phänomen Sigmar Polke hymnisch zusammen: "Typisch undeutsch in seiner Widerspenstigkeit, in seiner Leidenschaftlicheit, vereinigt er allesumfassende Erfahrungen: die Eleganz der englischen Portraitmaler, die leuchtenden Farben, die Anmut und die Genremalerei der Venezianer, die Dichte und die Volkstümlichkeit der Flamen, das geheimnisvolle und unerwartete Hell-Dunkel östlicher Drucke." Das gilt noch.Die Retrospektive ist von der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn übernommen.Dort waren es 230 Bilder; hier sind es ein Drittel weniger.Manche dachten an eine Schrumpfversion; Irrtum.Es ist eine Verdichtung und so reich, daß ein erster Besuch wohl weitere nach sich zieht. Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50/51; bis 15.Februar; Dienstag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr; Jeden Sonntag 11 Uhr Führung.

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