Kultur : Superlative: Meine Sprache

Zu Goethes Zeiten konnte einer noch von den anmutigsten Unterhaltungen mit den liebreizendsten Mädchen schwärmen, ohne gleich darauf hingewiesen zu werden, dass "anmutig" sich nicht steigern lasse und dass die Form "liebreizendst" falsch gebildet sei. Jene Steigerungsform, die wir einen Konservations-Superlativ nennen könnten, wird in einer an Statistiken sich orientierenden Leistungsgesellschaft bedroht vom Ernst der Lage. Da wage ich es dann nicht mehr, Rom "die schönste Stadt der Welt" zu nennen, weil mir gerade noch rechtzeitig einfällt, dass mir Tallin, New Orleans und Avignon nicht weniger schön scheinen. Und niemand darf es mehr wagen, vom "bedeutendsten Buch des Jahres" zu reden, denn er muss darauf gefasst sein, gefragt zu werden, ob etwas noch mehr bedeuten könne, als es bedeutet.

Wo der Superlativ sich einordnet in eine Welt, die süchtig ist nach Rekorden, wo er mehr sein will oder soll als eine spielerische Übertreibung, da wird er den strengen Gesetzen grammatischer Korrektheit und inhaltlicher Logik unterworfen.

So streng genommen, sind vor allem die Steigerungen von Partizipien, die als Eigenschaftswörter eingesetzt werden, riskant. Ein Haus, das schön liegt, wird wohl auch ein schön gelegenes Haus genannt, und "schöngelegen" erscheint dabei als eine Eigenschaft des Hauses. Kann man nun sagen, ein anderes Haus liege noch schöner? Und gibt es gar ein schönstgelegenes Haus?

Die Steigerung solcher als Partizipien ausgedrückter Eigenschaften ist immer ein wenig fragwürdig. "Guteingerichtet - besteingerichtet"? "Vielgenannt - meistgenannt"? Durch den Sprachgebrauch in die Enge getrieben, wagen die Sprachlehrer wenig Widerspruch, weisen nur schüchtern darauf hin, es solle dann wenigstens, richtig, das Adverb und nicht, falsch, das Partizip der zusammengesetzten Eigenschaft gesteigert werden: weitgehend - weitestgehend! Ja schon - aber: hochfliegende Pläne - höchstfliegende Pläne?

Als grammatisch unkorrekt gilt natürlich auch die nochmalige Steigerung des bereits auf die höchste Stufe hinauf Gesteigerten. Gewiss, die besteingerichtetste Wohnung und die bestmöglichsten Bedingungen können nur als Unglücksfälle miserabler Werbetexte verstanden werden. Auch das übersteigerte "in keinster Weise" ist längst nicht mehr witzig.

Aber darf darum Wilhelm von Kügelgen den Caspar David Friedrich nicht mehr einen "Einundeinzigsten" nennen? Und ist Goethes "letztester" Kuss für Ulrike nicht doch mehr als ein Verstoß gegen die Grammatik?

Zu den superlativ-feindlichen Grammatikern gesellen sich die Logiker und weisen uns darauf hin, dass es Eigenschaften gebe, deren Steigerung schlechterdings unlogisch wäre. Und oft haben sie recht. Da es kein erstes Ende gibt und kein vorletztes, ist "letzten Endes" überflüssig, und "letztendlich" ist ein Graus.

Der wahre Unsinn passiert, von beiden unerkannt - nennen wir ihn den getarnten Superlativ. Er versteckt sich hinter Adjektiven und Adverbien wie "unbedingt", "einzigartig", "unbeschreiblich", "unvergleichlich", von "super" (daher Superlativ) nicht zu reden.

"Müllers letztes Werk ist unvergleichlich besser als alles, was der Autor bisher geschrieben hat." So steht es zwar in den Feuilletons, aber Quatsch ist es trotzdem. Denn erst durch Vergleichen lässt sich ja (vielleicht) feststellen, ob etwas nicht so gut oder besser ist. Auch wo einer anfängt, einen "unbeschreiblichen" Vorfall in allen Details zu schildern, wird Logik schmerzlich vermisst.

Nicht ganz ohne Grund befand Bismarck, man sollte alle Superlative streichen, denn jeder Superlativ reize nur zum Widerspruch. Auch W. E. Süskind empfand den Superlativ als "durch und durch verzwickte, unklare und leider vielfach korrupte Form".

Man sollte das dennoch nicht zu eng sehen. Ich habe mich aufs Angenehmste dabei unterhalten, ohne damit auch nur andeutungsweise sagen zu wollen, dass es keine angenehmere Unterhaltung gebe.

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