Kultur : Superman, Batman & Co.: Helden wie wir

Dirk Schönlebe

Wer hat als Kind nicht davon geträumt: Nur einmal die Arme ausgbreiten, sich elegant vom Fenstersims abstoßen - und fliegen. Als Jugendlicher wünscht man sich, das wunderschöne aber unerreichbare Mädchen aus der Nachbarklasse in einem tollkühnen Alleingang vor Terroristen zu retten, um es anschließend in die Arme zu schließen. Als Erwachsener möchte man vom Schreibtisch aufstehen und die Stadt oder gleich die ganze Welt vor dem Untergang bewahren. Natürlch wird kaum einer diese Träume zugeben. Trotzdem hat sie doch jeder schon geträumt. Denn daher rührt die Faszination, die von Superman und seinen Helden- und Heldinnen-Kollegen ausgeht und die seit Jahrzehnten ihren Erfolg garantiert: Sie tun im Comic Ausgabe für Ausgabe etwas, das Otto Normalleser auch gerne täte, aber nicht kann. Sie werden bewundert, gefeiert, geliebt - und haben trotzdem keine Starallüren oder andere schlechte Eigenschaften. Mit einem Superhelden-Comic kann sich jeder Leser einen kleinen Teil seines eigenen Traums nach Hause holen und kurz eintauchen in die Welt der Helden- und Wundertaten. Dass manch einer dort auch länger verweilt, zeigt das Beispiel von Elvis Presley. Seine Frisur, die Kotletten und der kurze Schulterumhang seines Bühnenkostüms waren dem Superhelden Captain Marvel jr. nachempfunden.

Das Comicfest München drehte sich in diesem Jahr um Superhelden und ihre Geschichte, die Ausstellung "World of Superheroes" (noch bis zum 3. Oktober, Praterinsel) ermöglicht neben ausflügen in Traumwelten auch Erklärungen für die Wirkungsweise der Helden-Comics. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Fähigkeiten, Einsamkeit, politischer Korrektheit und zeichnerischer Entwicklung der Superhelden. Eine jeweils eigene Sektion ist Superfrauen und der "neuen Lust am Horror" gewidmet. Deutlich können so Parallelen zwischen den Figuren herausgearbeitet werden. Die bekanntesten Superhelden haben neben ihrer geheimen auch eine wahre Identität und sind deshalb geeigneterre Identifikationsfiguren. Superman ist der Journalist Clark Kent. Hinter Batman steckt Bruce Wayne, ein millionenschwerer Unternehmer und Playboy, Spider-Man ist eigentlich der Student Peter Parker. Alle drei sind ohne Eltern aufgewachsen und in ihrer wirklichen Identität alles andere als heldenhaft. Wayne gilt als naiv-oberflächlich, Parker hat ständig Geldprobleme, Kent ist unglücklich verliebt. Als Helden aber verfügen sie über fantastische Fähigkeiten und ziehen wieder und wieder in den Kampf gegen Katastrophen und das Böse - obwohl sie eigentlich nichts anderes als ihre Ruhe möchten. "Das charakteristische für den guten Superhelden ist, dass er gegen seinen Willen in die Kämpfe hineingezogen wird. Die Gewalt geht immer von der anderen Seite aus. Heldenhaft erklärte der Münchner Comicexperte Reinhold Reitberger in seinem Vortrag über Macht und Verantwortung der Superhelden. Ein wirklicher Superheld setzt seine Kräfte nur zum Schutz der Gesellschaft, nie zum privaten Vorteil ein. Dabei gelte: Je gewaltiger die Macht, desto größer die Verantwortung. Diese Werte und Moralvorstellungen machen nach Reitbergers Ansicht den Erfolg der Superhelden aus.

Zudem sind Comics Ventil und Spiegel der Gesellschaft und der Zeitgeschichte. Beispiele zeigt die Ausstellung: 1941 kämpften die vereinigten amerikanischen Superhelden gegen Hitler-Deutschland, 1949 ging Batman gegen illegales Glücksspiel vor. Heute klärt Sperman Kinder in Südamerika und im Kosovo über Landminen auf. Reitberger meint, an den Veränderungen im Superhelden-Genre gesellschaftliche Strömungen ablesen zu können.So habe der Ehapa-Verlag die Batman- und Supermancomics eingestellt, als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde. Auch wenn es zwischen diesen Ereignissen keinen direkten Zusammenhang gebe, beweise das doch, "dass in den 80-ern ein Klima entstand, in dem die sozialen Werte der Superhelden nicht mehr gefragt waren. "Ähnliches sei in den USA und in Großbritannien geschehen, wo die Auflagen der Superhelden-Comics mit den Regierungsantritten von Ronald Reagan und Margret Thatcher nach unten gingen. Die ausgehenden 90-er Jahre dagegen haben Deutschland einen Comicboom und eine neue Regierung beschert.

Echte Fans un d Träumer lassen sich von diesen Analysen nicht beeinflussen. Denn sie wissen, dass es nicht um Politik oder soziologische Analysen geht. Sondern ganz einfach nur darum, die Welt oder ein schönes Mädchen zu retten. Und zu fliegen. Wenigstens einmal.

0 Kommentare

Neuester Kommentar