Kultur : Superman muss sterben: Chronik eines angekündigten Todes

Gregor Dotzauer

Sein erster Tod ist fast auf den Tag genau acht Jahre her. Am 18. November 1992 erschien bei Dino Comics das Heft, das Superman das Leben kostete. Ein mörderisches Wesen namens Doomsday besiegte den Unbesiegbaren. Doch damit war es um ihn noch keineswegs geschehen. Im Carlsen Verlag brach "Eine Welt ohne Superman" an, die wenig später von vier falschen Supermännern bevölkert wurde. Dann feierte der wahre Held seine Auferstehung. "Supermans Rückkehr" war unvermeidlich, und die in Deutschland bisher nicht erhältliche Episodenfolge mit dem schönen Titel Zero-Hour-Storyline machte den Weg für neue Abenteuer frei: Alles auf Anfang. Es war der Anfang vom nächsten Ende. Im Frühjahr 2001 stellt der Dino Verlag Superman ein, und mit ihm sterben alle Superhelden-Reihen: Batman, Hitman, Lobo, Green Lantern und Young Justice. Miese Zeiten für starke Männer.

Die Ankündigung fällt zusammen mit einem verheerenden Kurseinbruch für die Aktie der Dino Entertainment AG, nachdem das Unternehmen Verluste von 12 Millionen Mark prognostizierte. Die Nachricht zwang Johannes Schneider, den Finanzvorstand des Unternehmens, zum Rücktritt, und hat nun auch programmatische Konsequenzen gefordert. Von den Zeiten, als Superman und Batman noch Auflagen in fünf- und sechsstelliger Höhe hatten, konnte Dino nur noch träumen: 6000 bis 8000 verkaufte Exemplare pro Heft waren Spitzenwerte.

Sentimentalität ist trotzdem fehl am Platz. Denn Superman war längst nicht mehr einfach Superman, sondern ein durch sämtliche theologischen, mythologischen und idiotischen Wiederaufarbeitungsverfahren gejagte Figur, deren Profil bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Am Kiosk erhält man zum Beispiel derzeit die vierteilige Reihe der "Millennium Giants": ein in einen roten und einen blauen Superman aufgespaltenes Heldeninferno, das schon durch seinen aggressiven Strich mit dem, was die Schüler Jerome Siegel und Joe Shuster 1934 ausheckten, nicht mehr viel zu tun hat. Aber das ist vielleicht nur ein Auswuchs an verzweifelter Aktualisierung. Der Mann, der sich vom Planeten Krypton auf die Erde verirrte und als braver Büroangestellter Clark Kent tarnte, hat soviele dramaturgische und zeichnerische Retuschen mitgemacht, dass ihn der Film mit Christopher Reeve (1978) noch am ehesten als Ikone eines Zeitalters konserviert, das mit ihm schon damals nicht mehr wirklich zu rechnen brauchte: ein Epitaph zu Lebzeiten.

Später, unter der Regie von Tim Burton, wurde Batman noch einmal als ironische Gestalt errettet. Die Aktion hatte auf Dauer keine Chance: Helden wollen Ernst genommen werden, und wo ihnen nichts Archetypisches mehr anhaftet, sind sie zum Untergang verurteilt. Wie müde muss ein Batman sein, dass man ihm in Dinos Crossover-Serie mittlerweile Tarzan zum Kämpfen an die Seite stellt.

Vielleicht hat sich auch das Medium Comicstrip für Heldensagas erschöpft (was den Ehapa-Verlag schon Ende der 80er bewegte, Superman abzustoßen): Man rettet die Welt nicht mehr als Leser, man hilft als Computerspieler nach Kräften mit - und betritt sofort einen Raum, der den ganzen erzählerischen Aufwand, den noch Clark Kents Angestelltendasein verschlang, hinfällig macht.

Selbst Jahrhundertfiguren, daran erinnert Supermans bevorstehender Tod, sind nichts für die Ewigkeit. Die Krieger wechseln die Waffen, die Heiligen ihr Gesicht. Und wer im Augenblick noch unangefochten dazustehen scheint, wird womöglich schon morgen exkommuniziert. Hat eigentlich schon mal jemand bemerkt, wie anachronistisch der alte Leuteschinder Dagobert Duck in den Zeiten des neuesten Kapitalismus wirkt?

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