Kultur : Surrealismus liegt auf der Straße

Zum 100. Geburtstag des Malers Heinz Trökes.

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Salut der Fantasie. Heinz Trökes malte 1946 „Die Mondkanone“. Foto: VG Bildkunst
Salut der Fantasie. Heinz Trökes malte 1946 „Die Mondkanone“. Foto: VG BildkunstFoto: akg-images

Wenn nächste Woche die Machbarkeitsstudie der Staatlichen Museen vorgestellt und damit auch über die Zukunft der Surrealistensammlung von Ulla und Heiner Pietzsch entschieden wird, dann gibt es endlich Gelegenheit, so manches besser zu machen für die Moderne in Berlin. Eine Galerie des 20. Jahrhunderts soll am Kulturforum entstehen, um den beengten Mies van der Rohe-Bau zu entlasten – ob in den Räumen der Gemäldegalerie oder als Neubau an der Potsdamer Straße, diese Varianten sollte die Studie prüfen.

Ein künftiges Museum der Moderne dürfte dann auch ein Plätzchen für Heinz Trökes bieten, den für Berlin so wichtigen Surrealisten. Heute vor 100 Jahren wurde er geboren, doch ausgerechnet zu diesem Datum erinnert in Berlin so gar nichts an ihn. Die Berlinische Galerie sah sich nicht in der Lage, den Termin zu würdigen, das Duisburger Lehmbruck-Museum in seiner rheinischen Heimat sagte nach überraschendem Direktorenwechsel eine Ausstellung kurzfristig ab. Nur Weimar erinnert an den Maler, der 1947 einem Ruf an die Staatliche Hochschule für Architektur und Baukunst folgte und doch schon ein Semester später wegen staatlicher Einflussnahme wieder aufgab.

Zu dem Zeitpunkt war Trökes in Berlin längst zur zentralen Figur der Kunstszene avanciert. 1945 gehörte er zu den Mitbegründern der Galerie Gerd Rosen, der ersten privaten Kunstgalerie nach dem Krieg in Deutschland, die er bis 1946 künstlerisch leitete. In der zweiten Hälfte der Vierziger entstanden seine kosmonautischen Bilder, darunter „Die Mondkanone“, mit denen er die Erfahrungen des Krieges in phantastischen Szenarios verarbeitete. Der Surrealismus 1945 in Berlin sei nicht im Kopf entstanden, hat Trökes einmal gesagt, er habe auf der Straße gelegen. Die Fantasiewelten halfen ihm zugleich, die bittere Vorzeit zu überspielen. Seine erste Einzelausstellung 1938 in der Berliner Galerie Nierendorf war von den Nazis geschlossen worden, der junge Künstler wurde daraufhin mit Berufsverbot belegt.

Nach dem Krieg versuchte Trökes als einer der ersten die verlorenen Fäden der Avantgarde wieder neu zu knüpfen. Er nahm an den ersten drei Documentas in Kassel teil, die ebenfalls einen Neubeginn für die Kunst in Deutschland bewirken sollten. In Paris schloss er sich den Surrealisten an, schloss Freundschaft mit Paul Celan und Wols, dessen Skizzenbücher und Kaltnadelradierungen er dem Berliner Kupferstichkabinett später übereignete. Die Neue Nationalgalerie zeigt sie gegenwärtig aus Anlass von Wols’ eigenem 100. Geburtstag. Nur wenige Meter Luftlinie entfernt, im Martin-Gropius-Bau, wird mit Meret Oppenheim ab heute eine weitere Surrealistin geehrt, die ebenfalls vor 100 Jahren geboren wurde.

Und doch hat sich Trökes selbst immer als Halb-Surrealisten bezeichnet, denn er wusste, dass deren wichtigste Zeit überschritten war. Halb hier, halb dort – das war auch die Lebensform des Künstlers, der sich beständig auf Reisen befand, Wohnsitze in Griechenland, auf Ibiza, in Paris besaß und doch Berlin die Treue hielt. 1965 nahm er eine Professur an der Universität der Künste an, die Stadt hatte ihn längst mit ihrem Kunstpreis und öffentlichen Aufträgen etwa für ein Glasfenster der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche geehrt. Trökes brachte die Farben des Südens nach Berlin. Er starb 1997 kurz nach dem Tod seiner Frau Renée, mit der er auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beerdigt wurde. Nicola Kuhn

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