Kultur : Survival-Test

DETLEF BLUHM

England zweieinhalb Jahre nach dem Ende der BuchpreisbindungVON DETLEF BLUHMDie Sonne scheint, aber es weht ein kalter Wind in Londons Charing Cross Road, dem Buchhandelsort der Metropole.Zwar haben dort wie im ganzen Land nach dem Fall der Buchpreisbindung vor nunmehr zweieinhalb Jahren die Buchhandlungen ihre Verkaufsflächen vergrößert bzw.neue Filialen eingerichtet, und geben sie saisonal Kundennachlässe auf bestimmte Buchtitel, meistens aktuelle Bestseller oder gefragte Taschenbücher.Doch sind es nur die großen Handelsketten, die diese Expansion finanzieren können. Der nach dem Fall der Preisbindung entbrannte Kampf um Marktanteile fand im letzten Jahr seinen vorläufigen Höhepunkt.Im Oktober 1997 übernahm der zweitgrößte amerikanische Filialist Borders die englische Buchhandelskette Books Etc..Nun wird erwartet, daß sich in nächster Zeit auch der amerikanische Marktführer Barnes & Nobles (Jahresumsatz: über 4 Milliarden Mark) auf der Insel engagiert - sei es durch eine Firmenübernahme oder durch Gründung eigener Läden.Seit dem Fall der englischen Buchpreisbindung sind jedenfalls die Augen der amerikanischen Strategen nach England gerichtet. Auf der London Book Fair sind auch einige kettenunabhängige Buchhändler aus London und aus ländlichen Gebieten vertreten.Hier bewegen andere Fragen.Die Probleme dieser kleinen bis mittelgroßen Läden ähneln sich dennoch.Wer einen W.H.Smith in der Nähe hat, muß auch discounten, um die Kunden nicht zu verlieren.Damit sinkt die Rendite, bei manchen gegen Null oder sie rutschen in die roten Zahlen. Zu diesen beiden Antagonisten des Marktes (den Ketten und den unabhängigen Läden) haben sich nach dem Fall der Preisbindung außerdem Supermärkte, Gartencenter und Tankstellen gesellt, die zum Leidwesen des restlichen Buchhandels nur gut verkäuflliche Massenware mit Nachlässen bis zu 40 Prozent anbieten.Und dann: der Buchkäufer.Hat er wirklich etwas davon, wenn saisonal Bestseller preiswerter angeboten werden? Tim Godfray, Geschäftsführer des englischen Buchhändlerverbandes, berichtet von einer Langzeitstudie, nach der Hardcover zwischen 1995 und 1997 im Preis um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen sind, Taschenbücher um 16 Prozent.Und das bei einer Inflationsrate von 4,6 Prozent! Die aufgedruckten Coverpreise werden also zum Teil künstlich verteuert, um die Handelsspanne auch bei deutlichen Kundennachlässen erträglich zu halten.Der Buchhandel macht zwar Umsatz - aber der Gewinn ist schrumpft. Gut geht es sicherlich den drei Unternehmen, die sich inzwischen die Belieferung nahezu sämtlicher Bibliotheken Englands teilen.Vor dem Fall der Buchpreisbindung haben weit über tausend Buchhandlungen an Bibliotheken geliefert.Dann hat die öffentliche Hand ihre Macht als größter Kunde ausgespielt und Nachlässe sowie Dienstleistungen gefordert, die nur hochspezialisierte Unternehmen erfüllen konnten.Ähnlich sieht es bei der Versorgung der Bevölkerung mit Schulbüchern aus.Auch hier ist der ortsansässige Buchhandel entweder durch die Verlage selbst oder überregionale Anbieter vom Markt verdrängt worden - zum Leidwesen der Eltern und Lehrer, die nun keinen Ansprechpartner vor Ort mehr haben. Zusammenfassend kann zweieinhalb Jahre nach dem Fall der Buchpreisbindung in England gesagt werden, daß Bücher insgesamt betrachtet teurer geworden sind, die Verkaufsflächen zwar zugenommen haben und mehr Umsatz erzielt wurde, die wirtschaftliche Situation des Buchhandels sich allerdings verschlechtert hat.Der Konkurrenzkampf über den Ladenpreis führte zu einer Erstarkung der Ketten und Zentralisten.Auch bei den Verlagen beschleunigen sich die Konzentrationsprozesse.Und erstmals seit vielen Jahren sinkt die Zahl der Neuerscheinungen in England. Aber auch von einer ungewöhnlichen Idee ist zu berichten.Das neue Buch von John Irving, "Widow for one Year", soll in etwa einem Monat als Hardcover für 17 Pfund erscheinen.Bei Hatchards Picadilly war es in einer auf tausend Exemplare limitierten und numerierten Leinenausgabe als "Vorexemplar" für Sammler von Erstausgaben zu haben: für 30 Pfund, ohne Rabatt.

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