Kultur : Susan Sontags Kritik: Mr. Robotic

Schriftsteller, sagen böse Zungen, sind Leute mit Meinungen, die sie nichts kosten, für die sie aber bezahlt werden. Mag sein: Keine Meinung zu haben, ist jedenfalls ein Privileg, das man sich erkämpfen muss - vor allem, wenn man wie Susan Sontag Amerikas prominenteste Intellektuelle ist und von den Medien tagtäglich als opinion machine eingesetzt werden soll. Gut zu hören, dass sie es vorziehe, auch keine Meinung zu den Terroranschlägen in den USA zu haben, die sie als Gast der American Academy in Berlin erlebt hat, nicht zu Hause auf der 24. Straße, ein Stück oberhalb des World Trade Center.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Man nimmt diese Haltung als Verlängerung ihres Kunstverständnisses in die Wirklichkeit und erinnert sich an ihren berühmten Essay "Against Interpretation", der mit dem Satz endet: "Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst." Und man denkt: Empathie statt steiler Thesen und Respekt vor dem Ungebreiflichen schaden auch dem Realitätsverständnis nicht - nur dass Sontags Weigerung natürlich viel zu kokett ist, um wahr zu sein. Wie sonst hätte sich die heute 67-Jährige in den 60er Jahren einen Namen als Linke gemacht, wie sonst hätte sie sie im Krieg um Sarajevo über die "verdrossen entpolitisierten Intellektuellen" schimpfen und in der bosnischen Hauptstadt Beckett inszenieren können. Es ist eine Menge divenhaftes Getue dabei, sich zu einer öffentlichen Haltung durchzuringen. Und die moralische Autorität, die in ihrer Erklärung steckt, ließe sich nicht dadurch bekräftigen, dass sie gleichzeitig eine Beitrittserklärung zu einem medizinischen Notdienst unterschreiben würde, sondern allein durch die Genauigkeit und Unbarmherzigkeit ihres Denkens und die Fähigkeit, ihm eine überzeugende Form zu geben.

Es ist ein komisches Gefühl, von ihr in Berlin vorab einen Text zu hören, der im nächsten "New Yorker" erscheinen soll. Ein schnell geschriebener E-Mail-Pfeil von vielleicht 500 Wörtern, dem man, wie sie sagt, alles Mögliche vorwerfen könne. Dass er "übertrieben, unmäßig und aufgebauscht" sei. Dass er moralisiere. Dass er nicht für sich allein stehen könne. Aber man hört, dass er nicht nur ein Zwischenruf ist. Man kann annehmen, dass er der öffentlichen Meinung eine andere Richtung geben wird. Denn er markiert nach der "monstrous dose of reality" vom 11. September, dieser Überdosis Wirklichkeit, die Rückkehr des radikalliberalen Denkens in die patriotische Rhetorik, einen Dissens im nationalen Konsens. Trauer unbedingt, Dummheit keinesfalls, sagt Sontag. Die Figur Bush war vor dem Anschlag für Kritik nicht sakrosankt - und sie darf es auch jetzt nicht sein. Sontag beschreibt George Bush als "robotic president", der eisern erklärt, dass alles in Ordnung sei - wofür auch sein Zögern beim Nennen der Totenzahl spreche. Dabei komme es gerade darauf an zu sagen: "Everything is not okay." Bush konzentriere sich auf stures "confidence building and grief management", auf Vertrauensbildung und Leidverwaltung. Auch könne keine Rede davon sein, dass die Attentäter feige gehandelt hätten. Der Begriff Feigheit lasse sich eher auf die über dem Irak abgeworfenen amerikanischen Bomben anwenden. Kurz: Man werde um eine Diskussion der amerikanischen Nahostpolitik nicht herumkommen. Sie kostet sicher nicht weniger Mut als ein Vergeltungsschlag.

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