Susanne Kennedy an der Volksbühne : Herrin der Unterwelt

Die gefeierte Regisseurin Susanne Kennedy gehört zum neuen Volksbühnen-Team um Chris Dercon. Im September zeigt sie im Martin-Gropius-Bau ihren „Orfeo“ – sie nennt es eine „Sterbeübung“.

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Susanne Kennedy in den Rummelsburger Proberäumen.
Das Theater arbeitet in uralten Strukturen: Susanne Kennedy in den Rummelsburger Proberäumen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Angst vor dem Tod? Ist Susanne Kennedy fremd. „Ich glaube, dass das Leben eine einzige Vorbereitung auf das Sterben ist“, sagt sie. Sehr unaufgeregt, fast achselzuckend. „Warum sollten wir gegen etwas rebellieren, das so sehr Teil des Menschseins ist? Das kann nicht der Weg sein.“ Also lieber das „große Loslassen“ üben, wie Kennedy es nennt. Starke, durchaus auch irritierende Worte von einer Regisseurin, die einem hochschwanger im Proberaum in Rummelsburg auf der Couch gegenübersitzt, im Bühnenbild der Produktion „Orfeo“, die bei der Ruhrtriennale Premiere hatte und ab 18. September auch im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft. Es ist ihre erste Operninszenierung. Untertitel: „Eine Sterbeübung“.

Existenziell wird es ja immer, wenn die Regisseurin zu Werke geht. Diesmal überschreitet sie die letzte Schwelle und taucht ab in die Unterwelt. Was auch für den Zuschauer eine der Grenzerfahrungen wird, die Kennedy so beharrlich und erfolgreich sucht.

Für „Orfeo“, eine Gemeinschaftsarbeit mit den niederländischen Kolleginnen Bianca van der Schoot und Suzan Boogaerdt sowie dem Solistenensemble Kaleidoskop, lässt sie Claudio Monteverdis Komposition über den Orpheus-und-Eurydike-Mythos von einem Computer-Algorithmus zerlegen und neu zusammensetzen. Die verfremdeten Partitur-Collagen erklingen in verschiedenen Räumen, die der Besucher durchwandert. Der Hades aus Wohnzimmer, Küche, Bad, Hobbyraum und Schlafzimmer hat die Anmutung eines billigen amerikanischen Fertighauses. „Es bleibt ein 2-D-Gefühl“, sagt sie, „eine Second-Life-Atmosphäre“.

Kennedy steht für den radikalen Bruch mit Gewohntem

Kennedy, Jahrgang 1977, ist die derzeit gefragteste Theatermacherin der Republik. Matthias Lilienthal hat sie als Regisseurin für seinen Neustart an den Münchner Kammerspielen gewonnen. Ebenso Chris Dercon, der sie als kommende Hauskraft an der Volksbühne präsentierte.

Eine ziemliche Blitzkarriere. Sie war ja lange vornehmlich in Holland tätig, hat am Nationaltheater Den Haag, bei Ivo van Hoves Toneelgroep und anderen Companys inszeniert. Wobei die in Friedrichshafen geborene Künstlerin mit dem englischen Vater, dem sie ihren klangvollen Nachnamen verdankt, in den Niederlanden ursprünglich gar keinen klaren Plan verfolgte. Nach Amsterdam ist sie als Studentin der Theaterwissenschaften und aus privaten Gründen gezogen. Die Aufnahmeprüfung fürs Regiestudium hat sie eher spaßeshalber absolviert. Und wurde angenommen.

Es ist dennoch kein Wunder, dass sich heute die Intendanten um sie reißen. Kennedy steht für den radikalen Bruch mit Gewohntem. Für kompromisslose bis schmerzhafte Form-Experimente. Für eine rahmensprengende Ästhetik, die so versiert mit Wirklichkeitsfiltern und Mehrfachbelichtungen arbeitet, dass plötzlich nackte Menschen in ungeschönter Menschlichkeit sichtbar werden.

Theater der Guckkastensinne

Zweimal hintereinander war Kennedy zuletzt zum Berliner Theatertreffen eingeladen, mit der Marieluise-Fleißer-Bearbeitung „Fegefeuer in Ingolstadt“ und der Fassbinder-Adaption „Warum läuft Herr R. Amok?“. In beiden Arbeiten hat sie den Schauspielern die Sprache genommen und die Dialoge als Playback vom Band kommen lassen, im Falle des „Herrn R.“ trugen die Darsteller noch dazu seltsam wächserne Masken.

Das Theater der Guckkastensinne lässt sie damit weit hinter sich. Es ist zwar ein ausgelutschter Kuratorenbegriff, aber die Schnittstelle zwischen den Künsten ist tatsächlich der Platz, wo man ihre Arbeit noch am ehesten verorten kann. War das der Grund, warum sie sich dem Museumsmann Chris Dercon angeschlossen hat? Weil er, mal mit viel Wohlwollen vorausgesetzt, genreübergreifend zu denken verspricht? Klar, bestätigt Kennedy. Und schiebt sofort nach: „Gleichzeitig war und ist das bei Castorf ja auch so.“. Nicht, dass die Regisseurin dem je nach Perspektive hitzig oder grenzhysterisch diskutierten Dercon-Thema ausweicht. Sie befindet sich bloß, wie sie selbst sagt, „in einer paradoxen Situation.“

Auf der einen Seite ist Kennedy als Regisseurin von der Volksbühne geprägt, von Castorf, besonders von Schlingensief. Man merkte am Rosa-Luxemburg-Platz eben immer, sagt sie, „dass dort echte Künstler am Werk sind.“ Klar bedauert auch sie auf eine Art das Ende der Castorf-Ära. Und klar ist der Sturm um die Dercon-Bestellung auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen. „Jeder hatte plötzlich eine Meinung dazu.“. Zwischendrin, bekennt sie, „habe ich ganz schön schlucken müssen.“. Sie will das auch nicht wegwischen. Dieses Gefühl, das da hochkochte, die Volksbühne sei „die letzte Bastion von irgendwas, die nun fällt. Und man weiß nicht: Wie wird das Neue?"

Papafiguren als Vorbild

Auf der anderen Seite ist Susanne Kennedy kein nostalgischer Mensch. Stichwort einmal mehr: loslassen können. Und selbstredend ist sie auf den Neuanfang, dessen Teil sie sein wird, lustvoll gespannt. Zumal sie Geschichte schreiben kann als erste prägende Regisseurin am Rosa-Luxemburg-Platz. Frauen im Rampenlicht kennt die Volksbühne ja nur auf Schauspielerinnenseite. Kennedy ist allerdings keine glühende Vertreterin von Gender-Themen. Wobei, so pauschal stimmt das auch wieder nicht. Es würde sie nur beispielsweise im „Orfeo“-Falle nicht interessieren, erklärt sie, ein Hauptthema daraus zu machen, „dass Frauen in der Kunst sterben müssen, damit Männer daraus schöpfen können. Das fände ich langweilig. Und auch zu klein.“

Dass alle ihre Regie-Vorbilder Männer sind, das beschäftigt Kennedy aber durchaus. Auch der Umstand, dass die Theater zwar auf der Bühne bevorzugt fortschrittliche Rollenmodelle verhandeln. Strukturell aber sehr altmodische Betriebe sind. Mehrheitlich geleitet von weißen Männern in fortgeschrittenem Alter. Chris Dercon, Matthias Lilienthal, auch der Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons – alles, wenn schon nicht Patriarchen, dann doch Papafiguren, die den Ton angeben. Weibliche Vorbilder, die ein Berufsleben mit Kind hinkriegen, wie Kennedy es bald hat, ohne ins Hamsterrad der Alltagshetze zu geraten, gibt es da nicht viele. Die Regisseurin sitzt auf dem hässlichen Ledersofa in ihrem Second-Life-Hades und überlegt einen Moment. „Wahrscheinlich“, sagt sie dann, „muss man sich auch da von Zwängen freimachen.“ Einfach weiter Loslassen üben.

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