Kultur : "Suzhou River": Die Flussgeborenen

Jan Schulz-Ojala

Der Film hat so einiges, was derzeit auf dem Index kritischer Wahrnehmungsbedürfnisse steht. Einen Ich-Erzähler zum Beispiel, der das Geschehen fast durchgängig aus dem Off beraunt (Echo im Zuschauer: Warum können die Bilder oder wenigstens die Figuren nicht selber sprechen?). Oder eine über weite Strecken äußerst wackelige Handkamera (Muss einem beim Zusehen eigentlich immer schwindlig werden, wenn das Geschehen möglichst echt sein soll?). Oder die Kombination Wahre Liebe/Wodka/Wumme (Muss der ferne Osten denn all die Geschichten unbedingt nochmal erzählen, die der ferne Westen an sich selber schon satt hat?).

Und trotzdem. Oder: gerade wegen dieser kuriosen Kombination. Denn der scheinbar trunken schwankende Film, in dem jemand wie in seinem inneren Hirnkasten redet, zieht einen geradewegs in einen Traum. Von Traumphase I alsbald in Traumphase II, dann tief in III, zurück in II und eine kurze Zeitlang nochmal in I und schließlich ins Erwachen. Da läuft allerdings der Film noch ein paar Minuten. Das ist ernüchternd. Alles sortiert sich, alles geht auf wie eine säuberliche Patience, statt Traum zu bleiben oder mindestens Trance. Aber macht nichts, da ist der Film zum Glück schon fast zu Ende.

Also: Schanghai heute. Am schmutzigen Suzhou-Fluss mit seinen brackigen Geschichten von nebenan. Ein Auftragsvideo-Filmer, wir sehen ihn nie, hält seine Kamera in die Welt. Fängt Geschichten auf. Erfindet sich welche dazu. Verknüpft sie mit seiner eigenen Geschichte. Und da wird es gefährlich. Ist seine Freundin Meimei, die als Meerjungfrau im Bassin eines Nachtclubs jobbt, vielleicht in ihrem früheren Kleinmädchenleben Moudan gewesen, Tochter eines reichen Schmugglers, verliebt in einen Motorradkurier namens Mardar, welcher sie einst auftragsgemäß zwecks Lösegeld-Erpressung versteckt hielt, weshalb sie zu Tode über ihn enttäuscht in den Fluss sprang - offenbar auf Nimmerwiedersehen? Und muss nun, da Mardar nach Jahren im Gefängnis wieder auftaucht in Shanghai und die Profi-Nixe Meimei für Moudan hält, der Videofilmer, der die Vorgeschichte zu beträchtlichen Teilen selbst ausgesponnen hat, Meimei an Mardar verlieren?

Meimeimoudanmardar (und, nicht zu vergessen, das kinematografische Ich): Kompliziert ist diese Geschichte, und schön in ihrer langen, offen gehaltenen und offen ausgebreiteten Schwebe. Eine Versuchsanordnung zunächst, mehr Versuch als Ordnung. Und so wie laut Kleist die allmähliche Verfertigung der Gedanken erst beim Reden entsteht, so meint man hier, der allmählichen Verfertigung eines Drehbuchs beim Drehen, eines Filmes beim Filmen zuzusehen. Da ist die subjektive Kamera des Videofilmers und sein/ihr Liebesverhältnis zur schönen Meimei; da sind die erfundenen Rückblenden in Mardars und Moudans Liebesgeschichte, Skizzen, Stellproben, nicht mehr; und da ist, irgendwo in der späten Mitte des Films, was aus Mardar und Meimei hätte werden können. Die Off-Stimme schweigt, dafür weiß Mardar seine Passion noch wie etwas, an das doch auch Meimei sich erinnern müsste - oder vielleicht auch nur überstreifen mag wie eine andere Geschichte. Aber ja, eine größere Liebe streift der Mensch sich immer gerne über, sagt der Film. Und wenn es am Anfang nicht mehr als eine Verführung aus Wörtern ist.

Sein Ungefähr zwischen Erfindung und Tatsächlichkeit, seine Messerschneidenbalance zwischen Wahrheit und Lüge spielt "Suzhou River" verspielt aus. Ein bisschen zu verspielt, werden manche sagen. Auch hätte es so arg viel Musik nicht gebraucht, um gut abzuträumen, werden sie sagen - womit sie noch einmal Recht haben. Und ganz bestimmt stimmt, dass dieser Film, der mittendrin zweimal finanziell klinisch tot war und dann zwischen zwei Welten, Shanghai und Berlin, zusammengeschnitten wurde, nicht mehr als die Schnittmenge aus seinen aberwitzigen Entstehungsbedingungen sein kann. Aber immerhin: diese Schnittmenge. Schade nur, dass Lou Ye, der dem Erzähler seine stets sanfte Stimme leiht, am Ende doch hat eins und eins zusammenzählen wollen. Richtig, macht zwei. Aber nur in der Mathematik.

Jan Schulz-Ojala

" Suzhou": heißt "Fluß der Mutter". Er ist die Seele der Stadt. Die Seele stinkt. Welche Altersmilde braucht man, um Kloaken zu lieben? Und welche Abgründe muß einer in sich tragen, um in Todesflüssen kleine Seejungfrauen anzusiedeln?

Lou Ye: noch nie gehört diesen Namen bei uns. Er ist am Suzhou-Fluss geboren. Er wollte schon immer einen Film über ihn machen. Wir warten auf einen chinesischen Weisen mit Kloakenerfahrung. Vielleicht hat er die Sinnenwelt schon so überwunden, dass er den Suzhou-River gar nicht mehr riecht.

Kein Weiser. Eher ein Oberschüler, den man beim Rauchen erwischt hat. Lou Ye sitzt im Kreuzberger X-Filme-Büro und irgendwie passt die Zigarette, die er aus einer chinesischen Schachtel holt, nicht in dieses Seminaristengesicht. Er trägt ein artiges Blauhemd und spricht nur chinesisch. Einer wie er soll über Liebe und Sehnsucht alles wissen, was andere ihr ganzes Leben nicht erfahren? Also fragen wir mitten hinein in dieses Jungengesicht nach der Dialektik der Sehnsucht und der Unmöglichkeit von Erfüllungen. Lou Ye lacht. Und hat nun doch Ähnlichkeit mit einem chinesischen Weisen.

Die wahre Liebe sei Suche, sagt er. Und wenn man sie finde, dann sei das, nunja, schon der Tod. Spricht es geradewegs aus einem chinesischen Thomas-Mann-Gustav-Mahler-Paralleluniversum heraus. Schon klar, auch Thomas Mann brauchte für die größeren Untergänge eine Stadt mit viel übel riechendem Wasser. Obwohl Venedig es nicht ganz mit dem Suzhou-River aufnehmen konnte. Aber da schließt die Dolmetscherin schon mit professioneller Kühle: Die Suche sei alles, das Ziel nichts.

Lou Yes Film kam in über 30 Ländern ins Kino. Nur in China liegt diese Meerjungfrauen-Liebesgeschichte noch immer bei der Zensur. Wegen Revisionismus? Nein, sicher wegen des Flusses, sagt Lou Ye. Wahrscheinlich halten es die Genossen für unklug, den Menschen zu zeigen, dass es in China Flüsse gibt, die stinken. Lou Yes erster Film, der auch in Shanghai spielte und von der Liebe handelte, lag zwei Jahre bei der Zensur. Wieder lächelt er, und man ahnt die Fallhöhe hinter diesem Lächeln. Der Shanghaier, der Flussgeborene, spricht über die Pekinger. Shanghai hegt eine sublime Verachtung für Peking.

Im Presseheft steht, Lou Ye gehört zur "6. Generation". Das klingt ein wenig wie XXIII. Dynastie - und überhaupt, wie kann man so jung sein und schon zu einer "6. Generation" gehören? Aber es bedeutet auch: Die sechste Generation chinesischer Filmemacher ist die, die zur Zeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking war. Lou Ye hat dort studiert. Die Katalogisierer definieren weiter: mehr westlicher Einfluss, rückläufige traditionelle Bindungen. Hitchcocks "Vertigo" und "Dogma 95" hat man in "Suzhou River" schon entdeckt. Wahrscheinlich gefällt Lou Ye der Gedanke, dass die Dänen mitsamt ihrer Philosophie in seinem Film vorkommen. Er kannte sie noch gar nicht, und trotzdem bevölkern sie seinen Film. Ist das nicht geradezu surrealistisch?

Es hat auch Nachteile, zur dieser sechsten Generation zu gehören. Niemand in China will mehr Filme finanzieren. Schon gar nicht der Staat. Vor "Suzhou River" hat Lou Ye mit Freunden eine Produktionsfirma gegründet. Den Film zu schneiden, fehlte am Ende das Geld. Dass die Postproduktion schließlich in Berlin begann und der unfertige "Suzhou River" zwischen China und Berlin hin und her geschmuggelt wurde, verdankt sich zufälligen Begegnungen. Ganz wie in der Liebe, sagt Lou Ye.

Kerstin Decker

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