Sven Regener und Andreas Dorau : Am liebsten unter der Decke

Erfolg muss nicht von langer Dauer sein und ist manchmal peinlich: Andreas Doraus lustige Autobiografie "Ärger mit der Unsterblichkeit", verfasst von Sven Regener.

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Herr Regener und Herr Dorau und zwei Kaninchen
Herr Regener und Herr Dorau und zwei KaninchenFoto: Charlotte Goltermann

Andreas Dorau ist ein Popmusiker, der seine eigenen Vorstellungen von Erfolg hat. In der Schlussbetrachtung seines Buches „Ärger mit der Unsterblichkeit“ verweist er darauf, dass er gerade in den vergangenen Jahren, im Internet- und Downloadzeitalter, regelmäßig in den Top Ten der Charts aufgetaucht sei, „besonders in den iTunes- und Amazon-Charts. Zwar manchmal nur für eine Stunde, aber ich war nie der Meinung, dass Erfolg von langer Dauer sein muss.“

Das ist schön popistisch gesagt und gedacht, bloß kein Klassiker werden!, jeder gute Popsong dauert nur drei Minuten und hält maximal einen Sommer vor!, hat im Fall von Andreas Dorau aber noch eine andere Bewandnis. Denn Dorau war nie wieder so erfolgreich wie 1981, als er noch nicht einmal 17-jährig mit „Fred vom Jupiter“ einen der größten Hits der Neuen Deutschen Welle hatte.

An den erinnern sich heutzutage noch alle, wenn sie Doraus Namen hören. Dann jedoch wird es schwierig: Was hat der Mann eigentlich so alles angestellt in seinem Künstlerleben? War da was? Tatsächlich beginnt hier der „Ärger mit der Unsterblichkeit“, die Dorau nie auf seinem Masterplan stehen hatte. Insofern ist es für ihn kein Problem, sein Buch gleich mit der „Fred-vom-Jupiter“-Geschichte zu beginnen und später immer mal wieder darauf zurückzukommen. Ein Buch im übrigen, das Sven Regener geschrieben hat: Dorau erzählt und Regener hat es in dem ihm eigenen Sound aufgeschrieben. Nicht zuletzt macht sich der „Herr-Lehmann“-Bestsellerautor und Element-of-Crime-Musiker gut als prominentes Zugpferd. Ein bisschen von Dauer soll der Erfolg so einer Autobiografie schon sein.

Heute meint Dorau, dass "Fred vom Jupiter“ ein zweifelhafter Hit gewesen sei

Es war also im Rahmen einer Projektwoche seiner Hamburger Schule, der Otto-Hahn-Gesamtschule, als der junge, 1964 als Sohn eines Pfarrers geborene Andreas den Kurs „Wir machen einen Popsong“ belegte und dabei zusammen mit ein paar Mitschülerinnen das Stück „Fred vom Jupiter“ komponierte. Damit besuchte Dorau die von ihm bewunderten Musikern der Düsseldorfer Band Der Plan, die das Stück so gut fanden, dass sie es auf ihrem Label Atatak als Single veröffentlichten. „Fred vom Jupiter“ wurde zum Hit und Evergreen und weckte sofort Begehrlichkeiten größerer Plattenfirmen, die ein ganzes Album wollten und den Schüler auf Tour schickten. Heute meint Dorau, dass „Fred vom Jupiter“ ein „zweifelhafter Hit“ gewesen sei, „ein Ausrutscher, der keine Nachfolger haben sollte, weil sowas nur noch zu größeren Peinlichkeiten führen würde

Diese Peinlichkeiten hat es in Folge zuhauf gegeben, ohne dass Dorau sie allerdings, so hat es den Anschein, über die Maßen peinlich gewesen wären. Kreuz und quer geht es nach der „Fred-vom-Jupiter“–Geschichte durch die Zeit, auch in Kindheit und frühe Jugend des angehenden Musikers. Meist haben die Geschichten, die oft mehr Anekdoten sind, nicht mehr als fünf, sechs Seiten. Dorau erzählt, wie er zum Beispiel zu seinen ersten Geld kam, in dem er aus der Fernsehzeitschrift „Funkuhr“ Witze abschrieb, die er wiederum an die Witzseite der „Hörzu“ schickte, um dafür 30 D–Mark einzustreichen. Oder wie er, weil er nunmal aus einem Pfarrhaushalt stammt, Instrumente spielen lernen sollte und acht Gitarrenlehrer verschliss. Der neunte, der Palais-Schaumburg-Musiker Holger Hiller, erkannte dann, dass Dorau keine Lust auf Üben hatte und das Gitarrespielen wohl nie lernen würde, aber er in jedem Fall Musiker werden wollte. Also brachte Hiller dem jungen Dorau bei, wie man ein Vierspurgerät bedient und Gitarrenklänge einfach schichtet, „so, wie ich es danach immer wieder getan habe und heute noch tue, wenn ich Stücke schreibe. Das ist das Dorau-Prinzip: einfach aufeinanderschichten!“

Für den Opel-Manta-Film "Manta - der Film" hat Dorau die Filmmusik in Form von Rockschnipseln geschrieben

Dorau gehört zu der Künstlerkatgeorie der Genialen Dilettanten, der verqueren Humoristen, der Subkultur-Propheten. Davon zeugen auch seine Ausflüge in die Filmwelt, die er als ewiger Student und Absolvent der Münchener Filmhochschule geradezu folgerichtig gemacht hat, seine seltsame Abschlussarbeit „Schlag Dein Tier“ und sein nicht weniger seltsamer und einziger Spielfilm „Die Menschen sind kalt“, der 1998 in die Kinos kam, mit „Schlag Dein Tier“ als halbstündigem Einblocker gewissermaßen. Oder der Soundtrack für den Opel-Manta-Film „Manta-der Film“, den er mit seinem Partner Tommi Eckart auf drei kleinen, billigen Samplern zusammenschusterte und - schichtete. Immerhin: der Manta-Film war mit über einer Million Zuschauer der größter Kinoerfolg des Jahres 1991.
Das Schöne ist: Dorau lässt wirklich nichts aus aus seinen „30 Jahren Arbeit im Weinberg der Kunst“ (Klappentext). Album für Album geht er durch, von „Ärger mit der Unsterblichkeit“ (so hieß eines von ihm aus dem Jahr 1992) bis hin zu „70 Minuten Musik ungeklärter Herkunft“, alle aus den neunziger Jahren, bevor er eben so ein richtiger Chartbreaker wurde (s.o.). Auch seine Zeit als „Videoberater“ bei der Plattenfirma Motor Music lässt er Revue passieren mit "Chartpowergimmick"-Geschichten oder solchen über Goldene Schallplatten und die Sehnsucht danach

Dabei gibt es in jeder dieser Geschichten einen komischen, mal hintergründig witzigen, mal platt witzigen, manchmal absurden Moment. Man könnte sie erzählte Pop-Singles nennen und das Buch ein Pop-Album - oder eine Nummernrevue. Was nicht zuletzt an Sven Regener liegen dürfte, sieht man einmal von Plattenfirmen-Waschzettel-Formulierungen wie „durch die Decke gehen“, „am Start sein“ oder „die Charts regieren“ ab.

Dorau ähnelt den Figuren aus Sven Regeners letztem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“, der gleichfalls eine Mitneunziger-Techno-Rock’n’Roll-Popgeschichte erzählt und hinter die Kulissen des Pop- und Tourlebens blickt. Die Bekanntschaft mit Peter Thomas, die Dorau gemacht hat („Irgendwann fragte er mich, ob ich gedient habe“) würde in "Magical Mystery" genauso gut hereinpassen wie die Interviews, die er einmal mit einer hartnäckigen Nebenhodenentzündung geben musste, („im Bett liegend, mit unter der Decke nichts an, mit Kühlpacks, von denen meine Promoterin halbstündlich neue anreichen musste“)


Dass im Subtext von „Ärger mit der Unsterblichkeit“ letztendlich das Scheitern mitschwingt, das gewollte wie ungewollte, versteht sich: Abstürze gehören zum Popstar-Dasein mit dazu, zumal vor dem Hintergrund von „Fred vom Jupiter“ und Doraus nachfolgendem, durchaus unfreiweiligem Wandern zwischen Mainstream und Subkultur. Dass er neidisch und missgünstig sein kann, daraus macht der Mann keinen Hehl. Und für spätere Stücke wie „Stoned Faces Don´t Lie“, „Das Telefon sagt Du“ oder „Girls in Love“, die ja allesamt bescheidene Hits waren, hätte er vermutlich doch gern die Anerkennung bekommen, auf die er bei „Fred vom Jupiter“ noch gar keinen Wert gelegt hatte. Aber so ist das nun mal, um es mit einem Dorau-Liedchen zu sagen. Dass er jetzt mit seinen Erinnerungen dem Genre Alternder-Popstar-schreibt-Autobiografie eine neue, extrem unterhaltsame Variante hinzugefügt hat, ist eine der größten Leistungen von Andreas Dorau in den vergangenen Jahren. Vielleicht reicht es ja für die analogen Buchcharts.

Andreas Dorau/Sven Regener: Ärger mit der Unsterblichkeit. Galiani Verlag, Berlin 2015. 186 Seiten, 16, 99 €.

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