Sven Regeners neuer Roman : Bumm Bumm Schmidt

Von Ravern und anderen Irren: Sven Regener und sein neuer Roman "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt". Eine Begegnung.

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Sven Regener auf der grünen Wiese.
Sven Regener auf der grünen Wiese.Foto: Charlotte Goltermann/Verlag

Einmal ist Sven Regener doch irritiert. Auf die Frage, wie er seinen neuen Roman eigentlich komponiert habe, ob der nicht ein bisschen an ein – freilich sehr gutes – kabarettistisches Nummernprogramm erinnere, scheint es durch seine Brillengläser zu blitzen, da schaut er geradezu angriffslustig: „Ich schreibe immer von vorne nach hinten. Wichtiger ist doch, dass man Figuren entwickelt, auch solche, die man dann nicht mehr braucht! Ich versuche Romane nicht auf ihr Ende hinzuschreiben, das finde ich blöd.“

Nach speziellen Ausführungen zur Problematik von Karl Schmidt, der Hauptfigur seines neuen Romans „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“, wird er aber noch einmal grundsätzlicher:„In der Kunst muss doch nicht alles einem übergeordneten Zweck dienen! Das macht auch mir als Leser keinen Spaß. Diese blöde alte Regel: Wenn du im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängen hast, musst Du damit im letzten jemand totschießen – ganz schön langweilig ist das, ganz schön fad! Ich liebe es, wenn es in einer Handlung so Seitenpfade gibt, die dann einfach so versickern, die ins Nichts führen.“

Man könnte den Mann an dieser Stelle und zu dieser Thematik noch länger zitieren, und zwar mit vielen Ausrufezeichen, die seine Aussagen erfordern. Sven Regener redet sich gern in Rage. Die aber gilt nicht seinem Gegenüber, hat nichts Beleidigtes. Regener feuert sich gern an und reflektiert auf diese Weise sein eigenes Tun. Es strengt ihn auch nicht besonders an, über seine Bücher zu sprechen, und das durchaus mehrmals hintereinander am Tag, eine Woche am Stück. Als Sänger und Vorturner von Element of Crime, als der er lange vor seinem 2001er-Debütroman „Herr Lehmann“ bekannt geworden ist, kennt er das aus dem Popmusikbereich: Promotage in Labelbüros, Hotels, Cafés, da heißt es professionell sein. "Das Schöne an den Gesprächen über meine Bücher ist. dass man mehr reden kann. Über Musik kann man ja so schlecht reden.“

Regener: "Das ist kein Roman über Techno - sondern ein Abenteuerroman"

Treffpunkt dieses Mal: Das Büro des Hörbuchverlages, der den Roman auf CD herausbringt, von Regener selbst vorgelesen. Regener wirkt genauso aufgeräumt wie energisch an diesem schönen Spätsommermorgen. Er trägt, wie immer, ein Lacoste-Shirt. Und er hat – auch wie immer – manche lustige Geschichte auf Lager: „Ich habe das Mitte der neunziger Jahre erlebt, bei so Labels wie Urban, die hatten wirklich die Kühlschränke voll mit Champagnerflaschen, die klatschten sich da gegenseitig ab, weil sie mal wieder an einem einzigen Tag 5000 Maxis von einem Stück verkauft hatten. Das war irre!“

Trotz solcher Geschichten legt er viel Wert darauf, seinen Roman zu erklären, Fehlinterpretationen vorzubeugen: "Das ist kein Roman über Techno. Kein Rave-Roman, auch kein Rock’n’Roll-Roman! Ich sage das jetzt mal ganz hart: Für mich ist das ein Abenteuerroman. Da ist ein Typ, der steckt in einer bestimmten Lage und geht nun aus seiner Welt heraus, um draußen Abenteuer zu bestehen. Und dass dabei Meerschweinchen, Techno, Clubs, Playback-Shows, Cameoauftritte und Herumgefahre vorkommen, das sind dann nur die Details.“

Der „Typ“ in der „bestimmten Lage“, das ist jener Karl Schmidt, den Regener-Fans aus der Herr-Lehmann-Trilogie kennen, wo er in jedem Band eine nicht unwichtige Rolle spielt. Karl Schmidt war der beste Kumpel von Frank Lehmann in West-Berlin: ein freischaffender Schrott- Künstler, der im Café Einfall Beck’s-Biere und andere Getränke über die Theke reichte, der aber auch schon mal auf Acid-House-Partys ging und am Tag der Maueröffnung mit einem depressiven Zusammenbruch in der Psychiatrie des Urban-Krankenhaus landete.

Sven Regener fand diesen Schmidt stets sympathisch, „großes Herz, aber auch große Klappe“, und ausbaufähig: eine Figur, die mehrere Jahre aus der Welt ist. Die zwar nicht im Gefängnis war, sich aber eben in psychiatrischer, später sozialpsychiatrischer Obhut befindet und für die vieles auf einmal ganz neu ist: „Das war ja bei vielen zu der Zeit so: Wenn die in die Klapse kamen, hat man die nie wiedergesehen, die verschwanden einfach aus dem Leben der alten Kumpane.“

Das ist auch der Grund, warum Regener so explizit darauf besteht, keinen Techno-Roman geschrieben zu haben. Es dauert, bis die Mittneunziger-Techno-und Magical-Mystery-Tourgeschichte beginnt, mit Auftritten der BummBumm-Acts in Bremen oder Hamburg, in München oder dem fiktiven Kaff Schrankenhusen-Borstel. Zuerst schildert Regener ausführlich, wie es Schmidt in Hamburg-Altona ergeht. Er lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft, hat so seine Probleme mit Betreuern und Mitbewohnern, arbeitet in einem Kinderheim als Hilfshausmeister. Eines Tages trifft er seinen alten Kumpel Raimund, der in Berlin den BummBumm-Club und das BummBumm-Label betreibt, zusammen mit dem Karl ebenfalls bekannten Ferdi. Beide haben da „ein Ding laufen“, eben jene Tour mit ihren Techno-Musikern. Und Raimund lässt Karl wissen: „Wir brauchen einen, der sich um alles kümmert, der uns fährt und auf das Geld aufpasst und auf uns auch und dass wir weiterkommen und was weiß ich alles.“

Bevor es dazu kommt, ist ein Viertel des Romans vorbei. Sagt man Regener, dass sich sein Roman zunächst schwer anlasse, antwortet er gar nicht mehr irritiert und entspannt: „Jeder Roman braucht seine Hürden. Auch ’Neue Vahr Süd’ hatte die, mehrere Kapitel, die nur in der Kaserne spielen, das kann schon nerven. Und noch einmal: Das ist vor allem ein Roman über jemand, der sich auf eine sehr gefährliche Reise begibt, dafür braucht es eine Vorgeschichte. Das ist kein leichtes Buch!“

"Ist doch klar, dass es bei so einem Roman auch was zu lachen gibt!"

Trotzdem macht es Regener seinen Lesern nicht allzu schwer. Er versteht sich in der hohen Kunst der Unterhaltung. Die Szenen in den Clubs, in denen die BummBumm–Musiker auftreten, in den „Fluxi Hotels“, in denen sie kurz schlafen, oder im Bus, mit dem Schmidt sie durch Deutschland kurvt, all diese Szenen sind stimmig, oft komisch. Dazu kann Regener Dialoge wie kaum jemand in Deutschland schreiben. Die sind glaubwürdig, direkt aus dem Leben schlonziger, verpeilter Clubmenschen gegriffen; mit ihren Redundanzen und der hohen Gagdichte haben sie aber auch etwas Artifizielles. Schmidt agiert, anders als Frank Lehmann, erstmals bei Regener als Ich-Erzähler. Das verengt die Perspektive, verleiht aber der Figur und ihrem Kampf gegen „das dunkle Gefühl“ und der ständigen Versuchungen, mal wieder an Alkohol und Drogen zu naschen, noch mehr Tiefe.

In den vergangenen Jahren hat man in Regeners Wesen ja gern und oft das Lehmannhafte gesucht. Der Geist von „Frankie“ stand und steht ihm fest zur Seite, und tatsächlich kommt Regener im Gespräch häufig auf „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und "Kleiner Bruder" zurück. Sein Romankosmos ist ihm nah und lieb, und er würde da gut reinpassen.

Feixend erzählt Regener Geschichten aus den Technojahren, in denen er zwar mehr am Rande stand, aber nicht zuletzt durch seine Frau Charlotte Goltermann, ehemals Betreiberin der Techno-Labels Ladomat und Elektromotor, viele Eindrücke gewann. In seinem knarzigen, schnellen Bremisch klingt er manchmal wie seine Ferdis, Bastis, Schöpfis und Karls, ganz selbstverständlich spricht er von „Mauken“, „Spacken“ oder „Dödels“. Dann stöhnt er über „den Schwachsinn mit dem man ständig konfrontiert wird“ (will heißen: das Konstruieren von Dekaden, Generationen, kollektiven Identitäten); oder er schwärmt von den besseren Parties und dem besseren Feeling der Raver gerade im Gegensatz zu den Rockleuten: „Man musste da kein Experte sein, es gab keine Mitgliedsausweise, wie bei diesen verspießerten Indierockern. Und die Rockleute waren ja auf einmal auch Veganer, Tierschützer und Weltverbesserer!“

Klar, dass er sich selbst an seiner kleinen Lästerei erfreut. Und er sofort weitermacht und erwähnt, dass ihm das Kunstreligiöse fremd sei, er mit Begriffen wie Pop- oder Unterhaltungsliteratur aber auch nichts anfangen könne. Weshalb er nochmal seinen Roman auf den Punkt bringt: „Raver heuern einen Ex-Irren an, weil er keine Drogen nehmen darf. Das ist ja klar, dass es da etwas zu lachen gibt.“
Dann klingelt das Telefon, er hat jetzt einen „Phoner“, wie Popmenschen gern sagen, und er verabschiedet sich: „Es war mir ein Vergnügen!“ Und wenn man jemand so eine Abschiedsfloskel glaubt, dann Sven Regener.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2013. 506 S., 22, 99 €.

Zum Zitty-Interview mit Sven Regener gelangen Sie hier.

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