"Secondhand-Zeit": zwei Jahrzehnte postrevolutionäres Russland im Zeitraffer

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Swetlana Alexijewitsch erhält Friedenspreis : Im Reich des roten Menschen
Sinfonie des alltags. Swetlana Alexijewitsch erforscht die (post-)sowjetische Seele.
Sinfonie des alltags. Swetlana Alexijewitsch erforscht die (post-)sowjetische Seele.Foto: epd

Alexijewitschs künstlerische Chronik arbeitet mit einprägsamen und zugleich sehr poetischen Kapitelüberschriften, denen häufig ein Schrecken innewohnt. In „Von einem kleinen roten Fähnchen und dem Feixen des Beils“ etwa erzählt eine Frau, wie der sowjetische Geheimdienst NKWD ihre Familie zerstört hat. Nach Vorbildern gefragt, nennt die Verfasserin natürlich Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“. Deutschen Lesern fällt dabei vielleicht auch Walter Kempowskis Kollektivroman „Echolot“ ein oder Ernst Schnabels NDR-Hörspiel „29. Januar 1947“: Es entstand aus 35 000 Zuschriften, in denen Hörer diesen, ihren Tag schilderten.

„Secondhand-Zeit“ ist eine zweiteilige, thematisch verdichtete Sammlung von O-Tönen, die von illegalen usbekischen und tadschikischen Gastarbeitern in Moskauer Kellerwohnungen bis zu einem hochgestellten Anonymus im Kreml reicht. Das Buch, an dessen mitunter flüchtig wirkenden Duktus man sich erst gewöhnen muss, ist unterteilt in „Zehn Geschichten in rotem Interieur“ aus den von Glasnost und Perestroika bestimmten Jahren 1991 bis 2001 und „Zehn Geschichten ohne Interieur“ bis 2012. Zwei Jahrzehnte postrevolutionäres Russland im Zeitraffer, ein „Echo der Zivilisation der Tränen“. Für alle Befragten gilt: „Geboren in der UdSSR – das ist eine Diagnose.“

Warum hängen die Alten, die so unendlich viel Leid unter Stalin erfuhren, aber auch Neo-Komsomolzen – die Jugend der Kommunistischen Partei – weiterhin einer Ideologie an, welche die Menschen „mit eiserner Hand ins Glück zwingen“ wollte, wie die Losung des Straflagers auf den Solowki-Inseln lautete? Die Gesellschaft, die sich in den Gesprächen abbildet, ist durch und durch militarisiert. Ein Reflex auf die ständig propagierte Kampfbereitschaft im Kommunismus. Im Sinne der ermordeten Journalistin Anna Politowskaja geht die Autorin immer wieder auf den schwelenden Tschetschenien-Konflikt und seine Auswirkungen wie die Terroranschläge in Moskau ein, spricht mit Überlebenden des verheerenden U-Bahn-Attentats im März 2010. Wer südrussisch aussieht, muss rassistische Diskriminierung fürchten.

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So wie der landeskundige Philosoph Leibniz einst die Russen als „getaufte Bären“ bezeichnete, stellt Alexijewitsch die ketzerische Leitfrage, ob ihre Landsleute überhaupt zur Freiheit fähig sind. Die Antworten sind größtenteils erschütternd, gerade was die jüngere, extrem konsumorientierte Generation angeht. Nach der Liebe sei sie bestimmt zehn Jahre lang nicht mehr gefragt worden, sagt ihr eine 35-jährige Werbemanagerin. Zukunft bedeute für sie: Geld. Für die Untergrundliteratur und die heimlichen Küchengespräche ihrer Eltern hat sie nur Spott übrig.

Man merkt deutlich, dass Alexijewitsch selbst zu diesen bibliophilen „Küchenmenschen“ gehört, dass ihre Enttäuschung zutiefst persönlich ist, wenn sie eine Gleichgesinnte zitiert: „Die Sowjetzeit … Das Wort hatte einen heiligen, magischen Wert. Aus alter Gewohnheit wurde in den Küchen der Intelligenzija noch immer über Mandelstam geredet, hatte man beim Suppenkochen einen Band Astafjew oder Bykau in der Hand, aber das Leben demonstrierte ständig, dass das nun nicht mehr wichtig war, Worte bedeuteten nichts mehr.“

Dieses Oratorium bäumt sich zu einem überwältigenden Gegenbeweis auf. Worte sind doch nicht wirkungslos. Die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt hat sich neben ihrer Übertragungsleistung zusätzlich die Mühe gemacht, ein für deutsche Leser hilfreiches Glossar anzufügen. Ihr gebührt gleichfalls Dank, wenn Swetlana Alexijewitsch zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis erhält.

„Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Verlag Hanser Berlin 2013. 576 Seiten, 27, 90 Euro.– Am 18. Oktober um 20 Uhr liest Swetlana Alexijewitsch im Deutschen Theater Berlin.

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