Swing : Roger Cicero: Bühnenreif

Entertainment mit Esprit: Roger Ciceros neues Album "In diesem Moment" hat das Potential zu einem tollen Musical.

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Sensibel, cool. Roger Cicero.
Sensibel, cool. Roger Cicero.Foto: Promo

Dem Swing, mit dem er bekannt geworden ist, hat er vorerst abgeschworen. Als ganz normale Singer-Songwriter-CD tarnt Roger Cicero sein viertes Album. Verdächtig unverfänglich auch der Titel „In diesem Moment“ (Warner Music). Dabei steckt hier viel mehr drin – nämlich die Partitur zu einem Musical. Besser gesagt: zu einer Komödie mit Musik, diesem so vernachlässigten Genre, das nur noch als Oldiehitparade mit Handlung präsentiert wird wie in „Mamma mia“, „Ich war noch niemals in New York“ oder auch „Hinterm Horizont“. Da könnte Roger Cicero für einen echten Schub sorgen: fluffiger Pop für die Masse. Gewohnt witzig die Texte, nicht übertrieben originell, aber mit jeweils mindestens einem Satz, den man sich merken will.

Da will er seinem inneren Schweinehund das Apportieren beibringen, da mokiert er sich über die Lebensberatungsindustrie: „Jeder, der bezahlt und diesen Kurs absolviert, findet das Glück, und das alles wissenschaftlich fundiert“. Da reimt er über seine „Erste Liebe“: „Wir wurden Teil der gleichen Clique, Sommerabende am See, wir tauschten schüchtern Augenblicke, im Sonnenuntergangsklischee.“

Die langsamen Nummern sind nachdenklich statt larmoyant, die schnellen Sachen von Lutz Krajewski knackig und opulent arrangiert, mal im glamourösen Discosound der Siebziger, mal funkig. Genau so etwas braucht das Musical, wenn es nicht in der eigenen Risikoscheu versanden will. Nicht das übliche klebrige Pathos mit obligatorischer Ich-lass- mich-nicht-verbiegen-Ballade der Hauptfigur. Sondern Entertainment mit Esprit, selbst beim bittersüßen Einsamkeitsslowfox „Zu zweit“.

Schon beim ersten Durchhören möchte man sich um die 13 Nummern eine luftige Musicalhandlung basteln – natürlich mit einem Roger-Cicero-Wiedergänger als Helden: einem abenteuerlustigen Hütchenträger, sensibel und cool, geistreich, aber nicht vergeistigt, kurz, einem Kerl, der immer auf der Reise zu sich selbst ist. „Vielleicht lauf’ ich davon und bin doch längst schon angekommen.“ Ort der Handlung: südliche Urlaubsgefilde, wo der Protagonist nach einer frischen Trennung unverhofft auf eine alte Freundin trifft ... Produzenten, schnell zugegriffen! Frederik Hanssen

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