Kultur : Swinging London

Das Kölner Museum Ludwig ehrt den Pop-Art-Begründer Richard Hamilton

Uta M. Reindl

„Pop Fine Art“ nannte Richard Hamilton seine Kunst, die er in Experimentierfreude und rebellischem Geist dem Dadaismus verwandt sah. Doch anders als die Dadaisten, so schrieb der Brite in den Fünfzigerjahren, wolle die „Pop Fine Art“ konstruktiv sein und die Massenkultur respektieren, weil „der Künstler im urbanen Leben des 20. Jahrhunderts zwangsläufig die Massenkultur konsumiert und potenziell auch einen Beitrag zu ihr leisten kann“. 1956, im Geburtsjahr der Pop Art in London, schuf Hamilton mit der Independent Group für die Londoner Ausstellung „This is Tomorrow“ ein Exponat, welches diese Forderungen nach Interdisziplinarität materialisierte.

Eine Rekonstruktion dieser Arbeit stimmt nun die retrospektiv angelegte Kölner Ausstellung mit rund 180 Arbeiten Richard Hamiltons im Museum Ludwig ein: Der Besucher durchschreitet eine aus Fragmenten der Bilderflut der Medien- und Werbewelt zusammengesetzte Installation, er erfährt die Collage als Duktus im Werk des 81-jährigen Künstlers, der als „Vater der Popkunst“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Direkt daneben versammelt die wandgreifende Fotografie von Hamiltons Arbeit „Growth and Form“ leitmotivische Fragen im Werk des wohl bedeutendsten britischen Künstlers – Fragen nach den Strukturen und Wahrnehmungen, die die Welt bewegen.

Die in Zusammenarbeit mit dem Museum für Zeitgenössische Kunst (MACBA) in Barcelona entstandene und von Köln übernommene Ausstellung ist als weitgehend chronologischer Rundgang angelegt. Dabei wird deutlich, wie sehr sich Hamiltons Malerei mit den Jahren in der Farbpalette intensiviert und in der Sujetwahl politisiert hat. Vor allem veranschaulicht die von dem Künstler persönlich kuratierte Schau, dass er „in punktuellen Projekten“ denkt, wie Laszlo Glozer in seiner Katalogeinführung beobachtet.

Hamiltons Stärke ist die Auseinandersetzung mit dem Raum, so in dem Environment „Lobby.Lobby“ (1988) oder dem Gemäldezyklus aus den Neunzigerjahren. Zu den Schlüsselwerken der Pop Art zählt das collagierte Plakat, das die westliche Lebenskultur hinterfragt. „Just what is it, that makes today’s homes so different, so appealing?“, Was macht das Zuhause von heute nur so anders, so anziehend?“, heißt die angesichts ihrer Bedeutung erstaunlich kleine Arbeit von 1956. Sie setzt Klischees der Konsumgesellschaft zitathaft ins Bild: die schöne Frau, der gestylte Mann – beide mit viel Sex-Appeal, in schickem Wohn-Design, umgeben von Luxusartikeln zur Hebung des Lebensgefühls.

Auch Auto-und Produktdesign wird in Gemälden verarbeitet. In den „Combine Paintings“, den durch industriell gefertigte Gegenstände ergänzten Gemälden, integriert Hamilton in den Siebzigerjahren einen Tuner in die Leinwand („Lux 50“), aus der in der Kölner Ausstellung der Radiosender WDR 3 zu hören ist. Die zwischen Kunst und Gebrauchsgegenstand oszillierende Arbeit hängt im letzten, möblierten Raum der Ausstellung mit Polaroids an den Wänden, in denen sich Hamilton von Prominenten aus der internationalen Kunst- und Kulturwelt fotografieren ließ, deren Name jedesmal als Titel angeführt ist. Neben großformatigen und übermalten Cibachrome-Selbstporträts gibt es ähnlich bearbeitete Porträts von Kollegen wie Dieter Roth, mit dem Hamilton eine tiefe Freundschaft und langjährige künstlerische Zusammenarbeit verbindet. Dazu zeigt die Ausstellung Arbeiten aus der Serie „Bathers“, die der Brite 1969 seinem deutschen Künstlerkollegen zur Weiterbearbeitung gegeben hatte.

Ob es nun an Hamiltons stilistischer Vielseitigkeit oder an seiner punktuellen Arbeitsweise liegt, jeder Überblick über sein Schaffen bietet Überraschungen – im schlechten wie im guten Sinne. Etwas schräg, ja fast schon pubertär muten etwa die vor Kitsch triefenden Pastell-Sonnenuntergänge (1974) und die ölgemalten Flower-Pieces (1973–74) an, denn jedesmal ziert ein hübsch geformter Kothaufen den Vordergrund des Bildes. Dagegen verblüfft die inhaltlich-formale Klarheit des tiefgezogenen Plastikreliefs aus den Siebzigerjahren, das die Guggenheimfassade zu einer formvollendeten Plastik werden lässt.

Der Zyklus über „Ulysses“ von James Joyce aus den Vierzigerjahren ist Ausdruck der literarischen Passion Hamiltons, der auch selbst viel geschrieben hat. Die Serie über die Mähdrescher (1949), vor allem aber die Objekte und Arbeiten zum „Großen Glas“ von Marcel Duchamp verweisen auf Wurzeln im Werk des britischen Künstlers. Neben den zahlreichen kunsthistorischen Bezügen finden sich immer wieder auch zeitgeschichtliche Verweise in Hamiltons Werk: Dazu zählt an erster Stelle „Swinging London 67“, das den aktuellen Tagesgeschehnissen der Pop(musik)welt in den ausgehenden Sechzigerjahre gegolten hat. Zeitkritisch durchaus, denn das „swinge“ (versengen) im Titel richtet sich an die Adresse der Boulevardpresse, deren Bilder und Texte verarbeitet wurden.

Wie sehr auch im späteren Werk politische Aktualität für Hamilton bedeutsam ist, betont die Kölner Ausstellung, indem vom Eingangsbereich aus das Triptychon von großformatigen Historienbildern am Ende des Rundgangs zu sehen ist. „Der Staat“, „Der Bürger“ und „Der Untertan“ (1983 – 1993) sind Allegorien der politischen Realität im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, enthalten aber auch konkrete Anspielungen: auf den Irland-Konflikt wie auf den Massenmörder Charles Manson aus den Sechzigerjahren.

Richard Hamilton, Introspective. Museum Ludwig, bis 9. November, Katalog 15 Euro.

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