SWR Symphonieorchester : Jenseits der Schamgrenze

Die Musiker der beiden SWR-Orchester wurden zwangsfusioniert. Jetzt müssen sie sich zusammenraufen - und nach einer neuen Identität suchen.

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Das SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle.
Das SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle.Foto: SWR/Uwe Ditz

Das Parkett ist nicht voll bestuhlt, sondern hat einen Mittelgang. Auch die ersten vier Reihen im Freiburger Konzerthaus sind beim zweiten Abokonzert des neuen, fusionierten SWR-Symphonieorchesters weggeräumt. Hatte das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg in seiner letzten Saison in Freiburg stets vor vollen Rängen gespielt, so ist die Zuschauernachfrage jetzt zurückgegangen. Abonnements wurden gekündigt.

Der Applaus ist höflich, als das Orchester die Bühne betritt. Begeisterung klingt anders. Im Juli hatte sich Chefdirigent François-Xavier Roth mit einem fulminanten, über vierstündigen Konzert von seinem Orchester und seinen Freiburger Zuhörern verabschiedet. Bei stehenden Ovationen flossen Tränen auf der Bühne. Auch bei den ersten Konzerten mit dem fusionierten Orchester hätten Musiker geweint, berichtet Solocellist und Orchestervorstand Frank-Michael Guthmann.

Der Sender versucht alles, um den erzwungenen Neuanfang zu einem Erfolg zu machen. Auf der neuen Website SWR- Classic bezeichnet Orchestermanager Felix Fischer die Orchesterfusion als „historische Neugründung“. Beim Eröffnungskonzert spricht SWR-Intendant Peter Boudgoust von einem verheißungsvollen Auftakt: „Ich bin begeistert!“ Johannes Bultmann, Gesamtleiter der SWR-Klangkörper und -Festivals, gibt die Zielrichtung vor: „Wir haben den Anspruch, an der Spitze mitzuspielen.“ Die Berichterstattung über das Eröffnungskonzert haben „die Schamgrenze verletzt“, findet dagegen Peter Bromig, Solohornist und Freiburger Orchestervorstand. „So viel Eigenlob ist kaum zu ertragen. Auf einmal schenkt uns der SWR die Aufmerksamkeit, die wir uns immer gewünscht haben.“ Und Gunnar Persicke, Stimmführer der zweiten Violinen, fügt hinzu: „Ausgerechnet in einer Situation, in der wir qualitativ so weit von dem entfernt sind, was wir vorher geboten haben.“

Die Streicher haben ständig andere Stimmführer

172 Mitglieder zählt im Augenblick das SWR-Symphonieorchester. 119 sollen es einmal werden. Da der Südwestrundfunk auf Kündigungen verzichtet hat, wird dieser Prozess wohl Jahrzehnte dauern. Es gibt attraktive Vorruhestandsregelungen, die das Abschmelzen der Stellen beschleunigen sollen. Üblicherweise hat ein groß besetztes Orchester zwei Konzertmeister und zwei Stimmführer in den anderen Streichergruppen. Beim SWR-Symphonieorchester sind es bei ersten und zweiten Violinen und Bratschen zurzeit je vier, die aus tariflichen Gründen nur abwechselnd spielen dürfen. So haben die Tuttistreicher ständig andere Stimmführer. „Ich spielte das Eröffnungskonzert im September und habe jetzt mein zweites Projekt – mit einer völlig neuen Violingruppe hinter mir“, sagt Gunnar Persicke. „Normalerweise sucht sich eine Gruppe ihre neuen Mitglieder aus. Wir sind zusammengewürfelt. Das macht die erforderliche Homogenität schwierig.“ Zumindest besteht Besetzungskontinuität, so dass die, die proben, alle Konzerte spielen.

Auch unterschiedliche Traditionen erschweren das Zusammenwachsen. Das Freiburger Orchester spielte meist präzise auf den Schlag, das Stuttgarter entwickelt den Ton im Vergleich dazu eher später und weicher im Klang. Bei den Bläsern liegen die Schwierigkeiten woanders. Durch die vielen längeren Spielpausen fehlt die notwendige Auftrittsroutine. Deshalb hat sich Hornist Peter Bromig schon früh um andere Projekte gekümmert, um auch mental die notwendige Anspannung zu haben. Musikalische Probleme gibt es hier weniger. „Neun von elf Mitgliedern der Horngruppe waren beim gleichen Lehrer.“ Je nach Stellenzahl im jeweiligen Register ist die Arbeitsbelastung für den einzelnen Orchestermusiker extrem unterschiedlich. Auch diese Ungerechtigkeiten sorgen nicht für beste Stimmung.

Optimale Arbeitsbedingungen sind in Stuttgart nicht gegeben

Nur rund zehn der 80 Freiburger Musiker sind nach Stuttgart gezogen. Der Rest pendelt zu den Proben in die Landeshauptstadt oder hat ein Zimmer gemietet. Für die Stadt Freiburg ist der Weggang des Orchesters „ein herber Schlag und ein großer Verlust“, sagt Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach. „Aber wir möchten nicht jammern.“ Bernd Dallmann, Geschäftsführer von Freiburg Wirtschaft, Touristik und Messe, betont, dass die Zahl der SWR-Konzerte in Freiburg gleich geblieben sei. „Durch die fehlenden Proben werden Buchungskapazitäten für andere Veranstaltungen frei.“ Gerade wird verhandelt, dass das Philharmonische Orchester Freiburg mit seinem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon gerne das Konzerthaus stärker nutzen würde. Die optimalen Probebedingungen im Konzerthaus vermissen die Freiburger SWR-Musiker jedenfalls. Der Backstage-Bereich der Stuttgarter Liederhalle ist beengt. Man kann sich nicht einspielen, wenn das Orchester auf der Bühne sitzt. Die Noten für das Folgeprojekt bekommt man im Funkhaus – das heißt einmal quer durch die Stadt. Im Konzerthaus musste man dafür eine Treppe hochgehen. „Wir brauchen für unser Orchester optimale Arbeitsbedingungen. Die sind in Stuttgart nicht gegeben“, sagt Flötistin Anne Romeis. Positiv überrascht sei sie vom guten menschlichen Miteinander mit den Stuttgarter Kollegen. „Sie haben sehr viel Verständnis für die Situation der Freiburger.“

Wie aber soll ein Orchester schnell einen gemeinsamen Klang finden, wenn die Mitglieder nur selten in derselben Besetzung spielen? Und das ohne Chefdirigent? Einen Zeitplan für die Suche verrät der Sender nicht. Auch die sechs Orchestervorstände aus Freiburg und Stuttgart müssen sich auf eine gemeinsame Linie verständigen. „Hier gibt es einen großen Mentalitätsunterschied zwischen den Orchestern“, sagt Guthmann. All diese Prozesse brauchen Zeit. Der Erfolgsdruck, unter dem der Sender nach der heftig kritisierten Orchesterfusion steht, ist da hinderlich. Aufbruchsstimmung gibt es nur im Kleinen, wenn sich die Streicherpulte mischen, in den Proben laut gelacht wird oder man dem Kollegen Beifall spendet. „Das Trompetensolo meines Stuttgarter Kollegen Jörge Becker bei ‚Petruschka’ war schon wunderbar“, lobt Peter Bromig. Und freut sich auch über „ganz tolle Leute“ aus Stuttgart, die nun zu Kollegen geworden sind.

Konzerte des Orchesters sind als Video abzurufen unter www.swr.de/swr-classic/symphonieorchester

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