Sybille-Kolumnen : Alles so schön bunt hier

Verlebt in Berlin: Der Groschenroman "Sybille" erzählt im Internet von den Krisen einer Studentin. Das Motto: "Raus aus der Stadt - rein in die Gefühle".

Florian Zimmer-Amrhein
Autor Olaf Dahmke begleitet seine Figur "Sybille" seit 35 Online-Folgen durch die Fährnisse der Großstadt.
Autor Olaf Dahmke begleitet seine Figur "Sybille" seit 35 Online-Folgen durch die Fährnisse der Großstadt.Illustration: Steffi Schütze

Sybille ist die chronisch Unglückliche, ein 25 Jahre altes Kleinstadtkind. Sie ist einsam und unzufrieden, also zieht sie aus der langweilig und eng gewordenen Heimatstadt Neumünster nach Berlin, beginnt Modedesign zu studieren und das Berliner Nachtleben zu erkunden. Ein Jahr vergeht voller beiläufiger Bekanntschaften, wilder Clubnächte, Cocktails und Koks, bis sie merkt, dass sich nichts geändert hat. Sie ist noch immer einsam und unzufrieden und zum Studieren kam sie auch nicht richtig. Klingt wie eine typische Berliner Studentengeschichte. Das ist sie auch – und doch viel mehr.

„Sybille ist einem Zufall zu verdanken“, sagt Olaf Dahmke, der den gleichnamigen „Berliner Groschenroman“ im Internet veröffentlicht. Im Winter 2007, als die Idee entstand, arbeitete er als Barkeeper in Friedrichshain. „Am Anfang war das bloße Lästerei, eine Publikumsbeschimpfung. Da war ein genervter Kollege, der sich fragte, wo diese ganzen jungen Leute herkommen, die sich abends bei uns vollaufen lassen.“ Bei einer halben Flasche Wodka entstand die Figur Sybille dann erst einmal im Scherz. Dahmke hat seine Textidee trotzdem am nächsten Morgen aufgeschrieben und später als Klolektüre über die Bar-Pissoirs gehängt.

Seit Mai 2007 veröffentlicht Dahmke den mittlerweile auf 35 Folgen angewachsenen Berlin-Roman auf MySpace. Rund 1000 User rufen regelmäßig die Webseite auf, um Neues über Sybille zu lesen oder auch zu hören, denn Dahmke liest fast jede Folge ein und stellt die Aufnahmen online. Was als reiner Klischeezynismus begann, ist ein ernstes literarisches Projekt geworden. Mit jeder Folge taucht der Leser tiefer in die Lebenswelt der Hauptfigur ein, durchlebt mit ihr die Höhenflüge und Krisen einer Studentin. Von nachhaltigem Katergefühl im Zuge einer durchzechten Nacht bis hin zu tiefen existenziellen Ängsten, die typisch sind für die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen.

Natürlich darf auch eine ordentliche Portion Herzschmerz nicht fehlen, verheulte Abende auf dem Sofa oder melancholische Momente in der Badewanne. Dahmke nimmt die Zuschreibung „Groschenroman“ durchaus ernst, versucht das Genre aber gleichzeitig mit untypischen Szenerien und Dialogen immer wieder zu unterwandern. Die selbstreflexive Ebene schwingt im Subtext immer mit. An einer Stelle heißt es: „sie hatte lust, ihn zu küssen. kein brennendes verlangen, nicht entflammt wie in einem groschenroman. nur so. küssen.“ Auch die manchmal vulgäre Alltagssprache und die konsequente Kleinschreibung wirken wie gezielte Brüche zum postulierten Genre.

Dahmke betont noch einen zweiten Punkt, warum er sich für den Groschenroman entschieden hat. „Das Thema Berlin, und wie darüber erzählt wird, das ist ja auch so ein Groschenroman. Alle Hoffnungen, die mit dieser Stadt verknüpft werden, sind für mich abgelatschte Klischees.“ So muss Sybille, bevor sie die vermeintlichen Hochburgen der Berliner Clubszene aufsuchen kann, erst einmal in den obligatorischen Hundehaufen treten. Sybille entscheidet sich für Berlin, weil sie sich Freiheit, Liebe und Erfolg wünscht. Doch die Hauptstadt enttäuscht diese Erwartungen immer wieder. Das Motto im Profil der MySpace- Seite entpuppt sich als Grundmotiv der Geschichte: „raus aus der stadt – rein in die gefühle!“ Und auch wieder zurück. Ein regelrechter Teufelskreis, dem der Leser zu folgen nicht müde wird.

Egal, ob Sybille über das Outfit für den Abend sinniert oder sich einen fremden, onanierenden Kerl vorstellt – erstaunlich ist, wie authentisch das Ganze wirkt. Dabei ist Dahmke kein Student und eine Frau schon gar nicht. Seine intimen Kenntnisse über das Studentendasein hat er nicht zuletzt durch jahrelange WG-Erfahrungen und zahlreiche Jobs im Gastronomiegewerbe erworben. „Das war lange Zeit das soziale Umfeld, in dem ich gelebt habe“, sagt er. „Es wurde mir durchaus schon vorgeworfen, wie ich mich als Mann erdreisten könnte, derart tief in die Gefühlswelt einer Frau einzusteigen. Aber es war völliger Zufall, dass Sybille ausgerechnet eine Frau geworden ist.“

Sybille soll vor allem Charakter- und Milieustudie sein, und das gelingt auf kongeniale Weise. Sie ist Dahmkes zweites Ego geworden, eine Figur, die er geschaffen hat und die im Laufe des Schreibprozesses zu einer eigenständigen Person mit Biografie heran gereift ist. Als Autor tritt er hinter dieser Figur vollständig zurück. Sein Name taucht auch auf der MySpace-Seite an keiner Stelle auf. „Ich bin bei Lesungen auch immer als Sybille aufgetreten“, sagt Dahmke und grinst. „Ich verkleide mich zwar nicht, das wäre ja albern, aber ich beginne immer mit: Hallo, ich bin Sybille.“

Zurzeit lässt Dahmke seinen Groschenroman ruhen. Am 6. Oktober startet die neue Staffel, dann will der Autor seine Heldin „in einem Praktikum oder bei ersten Gehversuchen im beruflichen Umfeld“ beobachten. Die Zeit bis dahin können Freunde des trockenen Dahmke-Humors mit seiner neuen Online-Kolumne „MAE Frühsport“ überbrücken. Diesmal aus der Ich-Perspektive erhält der Leser dort seit November 2009 Einblicke in den Alltag eines „Rüdiger“, der als Ein-Euro-Jobber vom Berliner Grünflächenamt im Volkspark Friedrichshain eingesetzt wird. „MAE“ steht für „Mehraufwandsentschädigung“, die beamtendeutsche Version von Ein-Euro-Jobs. Wieder eine Milieustudie – und ein Krimi. Rüdiger beobachtet im Park zwei Frauen, die unauffällig ihre Kinderwagen tauschen. Er vermutet kriminelle Machenschaften, der Fall wird mehr und mehr zur Obsession.

Auf die Frage, wie er neben dem Schreiben sein Leben bestreitet, antwortet Dahmke knapp: „Ich schlag mich so durch.“ Mehr möchte er dazu nicht sagen. Vielleicht ist das dann doch eine Parallele zu seinen Figuren. Auch Sybille und Rüdiger schlagen sich irgendwie durch. Und wenn man sich erlaubt, von Dahmkes Erzählwelten auf die Reale zu schließen, dann schlagen sich in Berlin, der Hauptstadt des Improvisierens, fast alle auf ihre Weise durch. Wer dabei eher einen Rüdiger oder eine Sybille abgibt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Die Blogs sind nachzulesen im Internet unter: http://www.myspace.com/sybillegroschenroman sowie http://blogs.raw-tempel.de/mae-fruehsport.html.

Ab September liest Olaf Dahmke seine Sybille-Kolumnen wieder an jedem ersten Sonntag im Monat als Mitglied der Autorenbühne Parlant Papap im Valentin-Stüberl (Donaustr. 112, Neukölln). Infos: www.myspace.com/valentinstueberlneukoelln.

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