Kultur : "Symbol Soup": Ich sehe was, was du auch siehst - die Bibel der visuellen Generation

Udo Feist

Auf Geheiß des Herrn suchte Moses das gelobte Land. Vor Buddhas innerem Auge wurden die Schleier der Existenz gelüftet. Jesus erkannte im Nächsten Gottes Angesicht, und Mohammed schrieb Allahs Willen aus - Visionen Einzelner haben das Gesicht der Welt verändert. Und bis heute marschieren ihre fünften Kolonnen durch Zeit- und Kulturgeschichte.

Aber was passiert mit einer Welt, die massenhaft visionär implodiert? Wie wird sie von den global medialisierten Jahrgängen seit 1963 gesehen? Täglich von Popkultur, großen Marken und Internet zur visuell-verzückten Eucharistie geladen, bleiben sie schließlich allein mit dem Mysterium der Postmoderne, wonach Coca Cola nicht bloß "the real thing" und Lifestyle-Zeichen, sondern auch braune Brause ist, die hässliche Flecken macht.

Ihre Madonna ist eine Clip-Ikone, die Identität zu tanzbarem Gender-Taumel inszeniert - worauf dann wieder Commercials folgen, die mehr Glauben als Nachrichten vom Golfkrieg zu verdienen scheinen. Bilderreich, möglichkeitenverspielt, schnell und unterhaltsam - diese Offenbarungsnivellierten bewohnen einen universalen Schauraum mit Zwang zur Ironie, wo es keine Visionäre mehr gibt. Denn wer heute Augen hat, ist selber einer. Eine kulturelle Verwerfung, die Medientheoretiker und Netzpropheten schon seit Jahren in ihre Begriffswüste zu locken versuchen.

Mit "Symbol Soup" hat der Niederländer André Platteel jetzt einen Topf gefunden, über dem der Geist dieser visual generation toposgerecht schweben kann: neun design-, image- und icontriefende Bände im Schuber, die er und der Utrechter Trendforscher Carl C. Rohde jeweils fußnotig um Listen der wichtigsten Zutaten und Rezepte ergänzten. Was sie dort zwischen Douglas Coupland und Vilem Flusser zusammentragen, käme aber auch ohne Worte aus. Visual literacy, jene Fähigkeit zu großen Erzählungen mit Verfallsdatum, zusammengesucht aus Werbe-Images und Szenediskurs, macht schließlich die kreativ- wie weltanschaulich-fröhliche Potenz dieser Generation aus. Ihre Fähigkeit, vermarktete "Logiken des Begehrens" (Jean Baudrillard) zu entzaubern, sie sich "postkritisch-ironisch" (Umberto Eco) wieder anzueignen. Symbol Soup verspricht ein Gespür dafür.

Seine optische Inszenierung, die Krijn van Noorwijk und Robbert Jansen vom Amsterdamer Kreativbüro LABORATORIVM koordinierten, hält dieses Versprechen: Jedes Magazin haben andere Designer und Kreativbüros aus der umtriebigen niederländischen Szene realisiert. Im Zeichen des Küchenmixers, der das programmatische Magazin 1 ("The Mix") füllt. "Wie beeinflussen weltweite Medien und globale Marken die symbolische Landschaft?" Mit eigenem Ansatz, prägnanter Designdurchführung und großer Faszination visualisieren die Einzel-Magazine Schwerpunkte dazu - von "Body", "Spirituality" und "Aliens" über "Digital Characters", "Retro", "You" und "Look" bis hin zu "Random Access".

"Die mit den Augen denken" sind nach dem Weltkrieg die erste Generation, deren Weltbild wieder von demselben Ereignis bestimmt wird. Von jener Hyper-Vision der Medialisierung, für die es Grenzen zwischen Kunst, Marketing und Alltagskultur, Religion und Trenddesign, Nostalgie und Zukunftsfoschung nicht mehr gibt.

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