Kultur : Symphonie aus Stimmen

DOROTHEA TÖRNE

Swetlana Alexijewitsch erhält Leipziger BuchpreisVON DOROTHEA VON TÖRNEDiese Frau ist das moralische Gedächtnis der Russen in diesem Jahrhundert.Mit dem rigoros tiefenpsychologischen Blick der auf Authentizität bedachten Zeitzeugin widmet sie sich menschlichen Wahrheiten, die schwer auszuhalten sind.Fasziniert und zugleich genervt sieht der Leser auf die geballten Schrecknisse ihrer Themen: verkrüppelte Soldatenseelen, Selbstmörder aller Altersgruppen und der nukleare Supergau. Die Autorin, Filmemacherin und Szenaristin Swetlana Alexijewitsch, die am heutigen Freitag im Alten Rathaus zu Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt wird, ist in Deutschland mit Dokumentarliteratur bekannt geworden.Sie nennt ihre spezielle Mischung aus Sachbuch und Fiktion das "Genre der Stimmen".Alle fünf Bücher der Weißrussin, die 1948 in dem ukrainischen Dorf Iwano Frankowsk geboren wurde, sind in deutscher Übersetzung erschienen, das erste 1987 im Henschel Verlag, Berlin.Mit der Dokumentation "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" begann sogleich die internationale Aufmerksamkeit für eine Schriftstellerin, die sich menschlichen Schicksalen so nähert, daß im privaten Alltag der sprechenden Personen der Zeitgeist der Epoche mit all ihren Widersprüchen sichtbar wird.Mit ihrer einfühlsamen Interviewtechnik brachte sie ehemalige Soldatinnen dazu, sich von Heldenklischees zu befreien und ihre ureigenen Lebensgeschichten in aufschlußreichen Alltagsdetails zu erzählen.Es war die eigene, ganz und gar weibliche Sicht, die das Buch berühmt machte, obwohl das gängige Pathos der kommunistischen Ideologie noch überall durchschimmerte.Auch im zweiten Buch dominierte noch der offizielle Patriotismus, obwohl es doch um Kindertragödien aus der Zeit des "Großen Vaterländischen Krieges" ging.Der Hintergrund, von dem sich Swetlana Alexijewitsch fortan abzulösen trachtete, war umrissen.Der konsequente Bruch mit Tabus gelang ihr erst mit einer Dokumentation über Afghanistan-Kämpfer.Der Titel "Zinkjungen", 1992 bei S.Fischer, bezieht sich metaphorisch auf die Zinksärge, in denen ab 1979 ein ganzes Jahrzehnt lang die sterblichen Überreste der gefallenen achtzehn- bis zwanzigjährigen sowjetischen Wehrpflichtigen aus dem Kriege in Afghanistan in die Heimat gebracht wurden.Die Porträts der Verstümmelten und psychisch Zerstörten, aber auch der Unbelehrbaren, stellten der sowjetischen Gesellschaft die Diagnose im Zeichen der beginnenden Perestroika.Swetlana Alexijewitsch begann auf eigene Kommentare weitgehend zu verzichten.Der O-Ton der sprechenden Soldaten, der Angehörigen und des medizinischen und technischen Personals sprach Bände.Die "persönlichen Beichten" demontieren das Wortarsenal des Krieges und der Ideologie.Wahrhaftigkeit war möglich geworden durch Gorbatschow.Der Rückbesinnung auf den Wert des Individuums nach siebzig Jahren pathetischer Auflösung des Einzelnen in der kollektiven Masse folgte der Zusammenbruch allen Glaubens, aller Ideale und Utopien.Swetlana Alexijewitsch hat das akribisch dokumentiert.Den bitteren Wahrheiten von siebzehn russischen Selbstmördern durch drei Generationen ist das Buch "Im Banne des Todes" gewidmet, in dem innere Monologe assoziativ und anekdotisch zu einem Stimmengeflecht komponiert werden.Was die Dokumentationen so glaubwürdig macht, ist die gänzliche Abwesenheit von Nostalgie wie von moralischer Verdammung. Swetlana Alexijewitsch lesen bedeutet, den schmerzhaften Desillusionierungsprozeß eines Volkes in einem untergegangenen Staatenbund nachzuvollziehen und letztlich bei den globalen Menschheitsfragen anzukommen, die in der Summe subjektiver, oft auch tragikomischer und grotesker Lebensdetails sichtbar werden.Das Erfolgsbuch "Tschernobyl", 1997 im Berlin Verlag, fängt die Stimmen der Überlebenden der Reaktorkatastrophe von 1986 ein."Bis jetzt war das Maß des Entsetzens der Krieg", sagt die Autorin, die heute in Minsk beheimatet ist, der Hauptstadt jenes Landes, in dem jeder Fünfte auf verseuchtem Gebiet lebt."Aber Tschernobyl, der langsame, lautlose Tod ist eine neue Dimension" und: "Tschernobyl gab ein Signal, daß die Menschheit nicht unsterblich ist." Das ahnten wir schon, aber Swetlana Alexijewitsch liefert die Gewißheit als konzentrierte Empfindung in nüchternem Gewand.

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